Das "Dritte Programm" ist kein deutsches Monopol. Auch London, Paris und Rom haben "Dritte Programme". Diese Einrichtung, die man eine lautlose Revolte gegen allzu große Anspruchslosigkeit nennen könnte, setzt sich mehr und mehr auch in den deutschen Rundfunkanstalten durch. Diesmal berichten wir über die Erfahrungen mit dem "Dritten Programm" des Bayerischen Rundfunks. Von Zeit zu Zeit werden wir auch auf die entsprechenden Sendungen anderer deutscher Rundfunkanstalten eingehen.

Auf einen Monat praktischer Erprobung konnte am 1. November die neue Einrichtung des "Dritten Programms" am Bayerischen Rundfunk zurückblicken. Es verdankt seine Einführung den hartnäckigen Wünschen anspruchsvoller Rundfunkhörer, die sich bisher durchaus benachteiligt fühlten. Denn die gelegentlichen Sendungen um die Mitternachtsstunde, für die sie sich hätten interessieren können, kamen (und kommen) eigentlich nur für Menschen in Betracht, die auf Nachtschlaf nichtangewiesen sind und die außerdem allein im Hause wohnen, so daß ihnen überhaupt gestattet ist, um diese Gespensterzeit das Empfangsgerät in Betrieb zu setzen ...

Seit dem 1. Oktober also können diese Hörer in der noch sehr zivilen Zeit zwischen 20 und 23 Uhr alltäglich (außer Sonntags) die ihrem Geschmack entsprechende "schwere Kost" genießen. Im allgemeinen gibt es je zwei Wortsendungen und eine Musiksendung. Es ist dabei Prinzip, daß die Wortsendungen nicht von einem "Sprecher", sondern vom Autor selbst gesprochen werden. Und die Musiksendungen werden grundsätzlich aus den Beständen des Tonbandarchivs bestritten.

Übrigens sind die Sendungen des Dritten Programms je nach Disposition in das erste (Mittelwelle) oder das zweite (UKW) Programm eingebaut. Das Angebot ist geeignet, die verwöhntesten Ansprüche zu befriedigen: da gibt es eine Hörfolge von zwölf halbstündigen Sendungen, in der Professor Carl Friedrich von Weizsäcker über "Atomenergie und Atomzeitalter" spricht. Eine andere Vortragsfolge hält der Historiker der Münchener Universität, Professor Franz Schnabel über das Thema "Der Weg aus dem 19. in das 20. Jahrhundert". Das Musikprogramm bringt unter anderem das ganze "Wohltemperierte Klavier" von Bach in der Interpretation von Edith Picht-Axenfeld und einen Zyklus "Wege zur Neuen Musik" Den einzelnen Kapiteln dieser Serie geht jeweils am Vortage eine halbstündige Einführung voraus.

Natürlich erscheint es wissenswert, wie nun seither die Masse der Rundfunkkunden auf die Neuerung reagiert. Darüber erhält man Aufschluß durch ebenfalls übertragene Debatten. Eitel Befriedigung gab selbstverständlich jene Hörerkategorie zu erkennen, auf deren Wünsche und Bedürfnisse das "Dritte Programm" zugeschnitten ist. Von anderer Seite wurden Beschwerden, laut über die "zu anstrengenden" Sendungen. Wieder andere plädierten für eine noch konzentriertere Verwirklichung des Grundsatzes: "non multa, sed multum" – nicht Vielerlei, sondern nur Gewichtiges.

Vielleicht kann auch das "Dritte Programm" sogar dazu beitragen, gerade die schlechte Gewohnheit des wahllosen Abhören? den daran krankenden gewissermaßen endgültig zu versalzen.

Das wäre auch kein schlechtes Ergebnis.