All dies scheint mir dafür zu sprechen, daß es sich bei den Veränderungen nach Stalins Tod um eine echte, tiefgreifende Wandlung handelt, nicht im Sinne eines "Abschwörens" von bestimmten Grundprinzipien oder einer Art westlicher "Liberalisierung", sondern im Sinne einer Modernisierung des Systems, mit dem Ziel, die Staats- und Wirtschaftsleitung elastischer, moderner und rationeller zu gestalten und sie der Realität der modernen sowjetischen Industriegesellschaft anzupassen.

Dabei ist die nachstalinsche Führung bestrebt, diese Wandlung gegen alle retardierenden prostalinistischen Kräfte durchzusetzen, gleichzeitig aber stets auf der Hut, die absolute Kontrolle und Führung zu behalten und es Studenten und Schriftstellern nicht zu gestatten, von sich aus weitergehende Forderungen aufzustellen, die die Autorität der Partei- und Staatsführung in irgendeiner Weise gefährden könnten. So wichtig es ist, gerade diese Grenze der bisherigen Entstalinisierung deutlich zu erkennen, so darf andererseits jedoch nicht übersehen werden, daß die Entwicklung seit 1953 sowohl zu einer Vergrößerung der Sicherheit der gesamten führenden Schicht als auch bereits zu so weitgehenden Veränderungen geführt hat, daß diese im Ausland nicht mehr übersehen und in der Sowjetunion kaum – zumindest nicht ohne außerordentliche Mittel – rückgängig gemacht werden können.

Schon in den ersten vier Jahren der Umgestaltung sind politische Strömungen entstanden, die heute bereits mehr oder weniger deutlich eigene Vorstellungen über Ziel, Ausmaß, Tempo und Methoden der weiteren Reformen zum Ausdruck bringen; ferner ist eine Verselbständigung der drei Apparate der Wirtschaft, Partei und Armee erfolgt, die um den Einfluß auf die weitere Umgestaltung ringen.

Da dieser Prozeß mit einer ständigen Verlagerung politischer und wirtschaftlicher Kompetenzen nach unten verbunden ist, werden mehr und mehr neue Kräfte in die politischen Entscheidungen einbezogen. Gerade dies aber dürfte die Abkehr vom Stalinschen ultrazentralistischen, terroristischen System der Alleinherrschaft beschleunigen und eine Entwicklung einleiten, die sicherlich mit Demokratie und Liberalismus (im "westlichen" Sinne des Wortes) zunächst noch sehr wenig zu tun hat, die aber auf der anderen Seite schon bereits heute so bedeutungsvoll erscheint, daß sie von politischen Beobachtern der nichtsowjetischen Welt nicht mehr mit einer Handbewegung einfach abgetan werden kann.