Im Dezember vorigen Jahres machte die amerikanische Luftwaffe eine wichtige Mitteilung. Sie berichtete über ihre soeben. abgeschlossenen großen Flugmanöver, an denen mehr als 1000 Düsenflugzeuge des B-47-Typs teilgenommen hatten. Sie waren Strecken von durchschnittlich 12 000 Kilometer ohne Zwischenlandung geflogen, und das Bulletin betonte, die Schlagkraft der strategischen Luftwaffe sei nie zuvor in so konzentrierter Form erprobt worden. Die Manöver, so hieß es, hätten die Fähigkeit der USA aufgezeigt, im Falle eines Angriffs blitzschnell zum Gegenschlag auszuholen. "Diese Fähigkeit", hieß es zum Schluß, "macht ganz eindeutig einen Krieg unprofitabel".

Der Verfasser des lakonischen Berichts war der damalige Chef der USA-Luftwaffe, General Nathan Farragut Twining. Twining hatte im vorangegangenen Sommer auf Einladung der Sowjets am Moskauer Flugtag teilgenommen, aber auch vor diesem Augenschein besaß er eine sehr klare Vorstellung von der Kapazität der Sowjetluftwaffe. Schon 1954 warnte er den USA-Bundeskongreß vor einer Unterschätzung der Russen. Er erklärte, daß die Sowjetluftwaffe ständig bessere Kampfflugzeuge verwende, die einen ungeheuren technischen Aufschwung der russischen Industrie zeigten.

Unter Twinings Initiative wurde die Modernisierung der USA-Luftwaffe vorangetrieben. Die letzten 5-29-Flugzeuge verschwanden. Düsenflugzeuge traten an ihre Stelle. Das Radarsystem wurde verbessert. Zwei Staffeln von B-61-Matadors – führerlosen Flugzeugen – verstärkten die amerikanischen taktischen Luftstreitkräfte in Europa.

Während andere Kreise in den USA, besonders gewisse Kongreßabgeordnete, die Anschauung vertreten, daß die Größe der Luftwaffe entscheidend sei, hat Twining immer gesagt, es komme in erster Linie auf Qualität an. Er erklärte, daß, wenn es je zu einem dritten Weltkrieg käme, die Entscheidung innerhalb von dreißig bis sechzig Tagen fallen würde; der Krieg müßte also mit den Truppen ausgefochten werden, die sofort verfügbar seien. Man brauche überaus geschulte Kräfte, die lange im Dienst bleiben, und um diese zu bekommen, müsse man die Luftwaffe attraktiver machen, also: höhere Gehälter und bessere Wohnungen für das Personal.

Heute ist Twining Generalstabschef der USA. Seine Vorgänger auf diesem Posten waren General Bradley, der das Heer vertrat, und zuletzt Admiral Radford, der die Kriegsmarine repräsentierte. Twining war also sozusagen "an der Reihe". Aber es ist von hoher Bedeutung, daß ein Flugexperte gerade jetzt dran ist. Twining ist mit Eisenhower einer Meinung: "Es gibt keine Alternative zum Frieden". Auf der anderen Seite war er es, der immer wieder erklärte, die USA müßten ihre Bereitschaft zeigen, äußerstenfalls auch die Atomwaffe einzusetzen; jede Unklarheit über ihre Entschlossenheit könnte sonst als eine Aufforderung zum Angriff ausgelegt werden.

General Twining, ein Mann von markanten Gesichtszügen, silbergrauem Haar und untersetzter Gestalt, ist vor kurzem sechzig Jahre alt geworden. Er stammt aus Monroe im Mittelweststaat Wisconsin. Einer seiner Onkel hat während des ersten Weltkriegs als Konteradmiral in der amerikanischen Kriegsmarine gedient; zwei seiner Brüder machten ebenfalls die Marine zu ihrem Beruf.

"Nate" Twining begann seine Karriere nicht als Flieger, sondern in der Infanterie. Im Juni 1917, wenige Monate nach dem Eintritt der USA in den Krieg, wurde er in die Militärakademie West Point aufgenommen. Dort machte er im Hinblick auf den dringenden Bedarf an Offizieren einen "Schnellkursus" durch, aber als er im November des folgenden Jahres seine Abschlußprüfung bestanden hatte, war der Krieg vorbei,