Von Natur aus ist er zart, der Gittertüll, und ziert als duftiges Gardinengewebe manches Fenster. Er ist so zart wie manches andere Gewebe aus seiner noch immer sächsischen, genauer gesagt: vogtländischen Heimat. Die Menschen und Maschinen, die in Plauen oder Reichenbach, in Oelsnitz oder Auerbach die kunstvollen Gebilde herstellen, beherrschen diese Fähigkeit fast ausnahmslos noch aus einer Zeit, als ihr spitzbärtiger Landsmann Walter Ulbricht eben nicht zu den Nationalhelden zählte, als es noch kein "Volkseigentum" und kein gespaltenes Deutschland gab. So haben Kunstfertigkeit und sächsische Gardinen sogar den Spannungen zwischen Ost und West standgehalten und sind, kommerziell betrachtet, nach wie vor ein beliebtes und kostbares Gut im Interzonenhandel. Auch die Direktoren und Generaldirektoren mancher Ostberliner Handelsgesellschaft bedienen sich gern der sächsischen Gardinen, um damit in der Bundesrepublik und im sonstigen monopolkapitalistischen Ausland den schnöden Mammon gewissermaßen zu paralysieren, auf daß er in den Händen der noch nicht befreiten Völker kein Unheil anrichte! Daß ihre Auftraggeber dieses anrüchige und "heiße" harte Geld mit Vorliebe dazu verwenden, um Waffen für den "Friedenskampf" dagegen einzutauschen, kann nur der nicht billigen, der noch nichts vom "sozialistischen Humanismus" gehört hat...

Eine bekannte Hamburger Firma, zu deren Warensortiment auch Gardinen gehören, hatte vor rund vier Jahren eine Pechsträhne. Einmal hatte sie schon seit Jahren auf dem Wege des gesetzlich zulässigen Interzonenhandels die eingangs erwähnten kunstvollen Gebilde sächsischer Tüllweberei bezogen, war dabei aber eines Tages auch von den östlichen Kontrahenten so reichlich mit Ausschußware beliefert worden, daß sie in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Zum anderen trug die Firma im Sommer 1954 noch einige zusätzliche und stark schmerzende Schrammen davon, als ihre Hausbank zusammenbrach. Dem persönlich haftenden Gesell-•schafter des Gardinenhauses und seinem Kommanditisten kam in dieser unerfreulichen Situation die rettende Idee: warum sollten sie sich nicht illegal bei denen schadlos halten, denen sie als legale Geschäftspartner ein Gutteil ihres Unglücks zu verdanken hatten? Sie suchten und fanden Verbindung zu einer jener harmlos klingenden Ostberliner Schwarzhandelsfirmen, schütteten den dortigen verständlicherweise nicht gerade "königlichen", wohl aber echt volksdemokratischen Kaufleuten ihr Herz aus und stießen – dank besagtem "sozialistischem Humanismus" – auf volles Verständnis und edle Hilfsbereitschaft.

Sie bestand im wesentlichen darin, daß die geschäftstüchtigen "Humanisten" sich auf Grund ihrer hervorragenden Beziehungen zum einheitsparteilichen Herrscherhaus bereit erklärten, große Posten der früher gelieferten "legalen" Gardinen als angeblich reklamierte Ware anzuerkennen, dies mit Brief und Siegel zu bescheinigen und dafür "Ersatz" zu leisten. Selbstverständlich wollten sie auch dafür sorgen, daß alle erforderlichen Warenbegleitscheine und sonstigen volksdemokratisch amtlichen Dokumente zur Stelle wären. Nur einen ganz kleinen Haken sollte die Sache haben: die Lieferung sollte nicht, wie es bei einer echten Reklamation unter "Kapitalisten" üblich ist, kostenlos erfolgen, sondern für eine Art "Anerkennungsgebühr" von rund zwei Westmark je Quadratmeter Gardine. Daß man wegen solcher "Kleinigkeit" nicht erst die Banken bemühen, sondern den Transfer durch so ehrenwerte westliche Kollegen wie den damals noch in Füssen ansässigen Strumpfschieberkönig von Eckern besorgen lassen würde, war nichts als eine "Gefälligkeit" am Rande.

Tatsächlich haben auf diese Weise annähernd 700 000 qm sächsischer Gardinen im Wert von rund 1,15 Mill. DM den Besitzer gewechselt, sind auf allerlei krummen Wegen teils aus dem Vogtland, teils aus einer holländischen Niederlage der Ostberliner Schwarzhändler über eigens zur buchungstechnischen Verschleierung der Westgeldzahlungen gegründete Scheinfirmen nach Hamburg gelangt und dort von den auch nicht gerade "königlichen" Tüllkaufleuten gewinnbringend zum Schmuck bundesdeutscher Fenster "verscheuert" worden. Bis das Auge des Gesetzes den Schwindel entdeckte und Gesellschafter, Kommanditist und Prokurist den Gesetzeshütern des Berliner Landgerichtes ausgeliefert wurden. Sie haben jetzt für Recht erkannt, daß der so findige und mit allen Schikanen vor. Ost und West vertraute Geschäftsinhaber wegen Devisenvergehens ein Jahr lang (ohne Bewährungsfrist!) die zarten sächsischen mit den massiven schwedischen Gardinen vertauscht und noch 3000 gute Westmark als "Kurkostenbeitrag" drauflegt. Sein Prokurist kam mit 2000 DM Geldstrafe davon, und der gegenwärtig erkrankte Kommanditist wird nach seiner Wiederherstellung sein Urteil empfangen. – Ob die Herren wohl später diese "Spesen" ebenfalls in Ostberlin reklamieren werden? gns.