Als im vorigen Monat der Nobelpreis für Literatur an Albert Camus verliehen wurde, löste diese Auszeichnung ein lebhaftes Für und Wider der Meinungen aus. Jeder literarisch Interessierte wußte etwas dazu zu sagen. Ganz anders jetzt bei der Verleihung der Nobelpreise für Chemie und Physik. Außerhalb eines kleinen Kreises von Eingeweihten hörte man die Namen der Preisträger in der vorigen Woche zum ersten Male und wird man sie in der nächsten Woche bereits wieder vergessen haben: Sir Alexander R. Todd – Chen Ning Yang – Tsung Dao Lee. Der Engländer habe, so sagt man uns, die Nukleotiden der Co-Enzyme erforscht; die beiden jungen Amerikaner chinesischer Herkunft, von denen ein rührendes Bild durch die Weltpresse gegangen ist, auf dem sie wie Unterprimaner aussehen, hätten nachgewiesen, daß das atomare Paritätsgesetz für gewisse Partikeltransmutationen nicht zutrifft. Tatsache ist immerhin, daß es heute in gebildeten Kreisen beinahe zum guten Ton gehört, so zu tun, als ob man das wirklich verstünde; Tatsache ist aber auch, daß der Abstand zwischen solchen naturwissenschaftlichen Spitzenleistungen und einem allgemeinen Urteilsvermögen Ausmaße angenommen hat, die etwas Beängstigendes haben. Als Illustration auf einer niedrigeren Ebene diene die Geschichte eines jungen Physikers, der sich seit einem Jahr erfolglos bemüht, jemanden zu finden, der ihm sagen könnte, ob seine Arbeit ein Hirngespinst ist oder eine echte wisschschaftliche Leistung,

Als Galileo Galilei vor über dreihundert Jahren (1638) – der Kirche zum Verdruß und der von ihr sanktionierten Wissenschaft zum Trotz – jene Fallgesetze veröffentlichte, auf denen Newton später das Gebäude der klassischen Physik errichtete, konnte er kaum ahnen, daß im Jahre 1957 Wolfgang von Kirschbaum, ein junger, in Hamburg lebender Seifmade-Physiker, eben dieser Gesetze wegen Kränkung und Enttäuschung würde erfahren müssen. Was hätte der große Physiker des 17. Jahrhunderts wohl dazu gesagt, daß in einer Zeit, in der die großen Mächte Milliarden in die Ausbildung und Förderung technischer und wissenschaftlicher Talente stecken, einem kleinen Physiker des 20. Jahrhunderts nicht einmal Gelegenheit gegeben wird, seine kühne These vor einem kompetenten Gremium zu vertreten; jene These, die nichts anderes besagt als: daß Galilei sich geirrt habe.

Nach Galilei soll ein Körper im freien Fall pro Sekunde eine konstante Beschleunigung erfahren.

Hieraus resultiert bei Galilei die Formel s =b/2 t 2 (der bis zum Zeitpunkt t zurückgelegte Weg ist gleich der Hälfte der Beschleunigung mal die Zeit zum Quadrat).

Kirschbaum nun, dessen Überlegungen auf den in der physikalischen Literatur dargestellten Experimenten fußen, bezweifelt nicht die Richtigkeit dieser Experimente selbst. Er behauptet jedoch, daß sie – da sie zu Galileis Zeiten aus technischen Gründen nicht mit genügender Genauigkeit vorgenommen werden konnten und später nicht oder doch nicht gründlich genug überprüft wurden – zu einem Fehler in der Auswertung geführt haben. Da pro Sekunde nicht die gleichen Wege durchfallen würden und da die Feldstärke der Erde dem durchfallenen Weg proportional sei, träten pro Sekunde auch nicht gleiche Werte dieser Feldstärke auf sondern zunehmende Beschleunigungen. An die Stelle der konstanten Beschleunigung bei Galilei träte eine durch stetige Wechselwirkung zwischen Schwerefeld, und Geschwindigkeitszunahme sich steigernde Beschleunigung, Formel: s =v/a-1 a hoch t - 1)

Wolfgang von Kirschbaum, 36 Jahre alt und ehemaliger Marineoffizier, lebt seit Kriegsende in Hamburg unter den recht spartanischen Bedingungen selbstgewählter "Arbeitslosigkeit". Das Licht in seinem Zimmer in der Rothenbaumchaussee geht selten vor zwei, drei Uhr nachts aus.

Eines, Tages nun, bei Überlegungen über die Möglichkeit einer rationelleren Antriebsart, für Tiefseefahrzeuge, kam ihm der Gedanke, der zweifellos bestürzende und zunächst unglaubwürdige Gedanke: die Fallgesetze Galileis stimmen nicht, sie können nicht stimmen. Er dachte sehr lange nach, rechnete noch länger und fand dann auch jene Formel, die nach seiner Überzeugung den Irrtum Galileis bewies.