Man sollte es nicht für möglich halten: aber das Kabinett von Nordrhein-Westfalen hat offenbar keine Ahnung von Wert und Bedeutung eines seiner größten Schätze, nämlich des Braunkohlenbesitzes zwischen Köln und Aachen. Anders ist es wohl nicht zu erklären, daß (unter maßgeblicher Fürsprache des Wirtschaftsministers Rechtsanwalt Dr. Kohlhase) das Landeskabinett den Entscheid gefaßt hat, das Atomforschungszentrum des Landes in den Erbwald bei Merzenich im Kreis Düren zu legen. Die Erfahrungen in den Atomforschung treibenden Ländern haben gezeigt, daß erhebliche Areale notwendig sein werden, um ein Forschungszentrum von der Umwelt zu isolieren. Der Beschluß von Düsseldorf stellt aber das nordrhein-westfälische Atomforschungszentrum mitten auf eines der größten Kohlenvorkommen des Landes, dessen Ausnutzung im Rahmen der langfristigen Energieplanung vorgesehen und unerläßlich ist.

Insgesamt würden, wenn der Entscheid des Kabinetts Steinhoff realisiert werden sollte, nach den Berechnungen des Oberbergamtes Bonn rund 400 bis 450 Mill. t Braunkohle verlorengehen. Das ist eine gewaltige Energiereserve, deren Nutzung bekanntlich – neben der Wasserkraft – am billigsten betrieben werden kann. Der Stromverbrauch wächst rasch an. Er verdoppelt sich alle zehn bis zwölf Jahre. Die geeignetsten einheimischen Energiequellen müssen also soweit wie möglich entwickelt werden. Dazu gehört die Braunkohle als Grundlage der preiswerten Stromerzeugung. Bei der Braunkohle wird die gesamte Mehrförderung seit 1955 nur noch in Kraftwerke geleitet, verfeuert und in Strom verwandelt. Durch das Verbundnetz des RWE genießt die Wirtschaft einen sehr niedrigen Braunkohlenstrompreis, dessen Aufrechterhalten durch den Kabinettsbeschluß Kohlhase/Steinhoff ernstlich und überflüssigerweise gefährdet ist.

Im Gegensatz zur Haltung der nordrheinwestfälischen Regierung hat der Braunkohlenausschuß des Landes (ein Gremium, in dem neben Bergbau und Energiewirtschaft die kommunalen Vertretungen, die Bergbehörde, die Gewerkschaften und das Landessiedlungsamt vertreten sind) das umstrittene Gebiet im Erbwald für den Abbau von Braunkohle bestimmt. Dieser jüngste Beschluß steht im Gegensatz zum Entscheid des Landeskabinetts, so daß nunmehr der Ministerpräsident Steinhoff zwischen seinem Kabinettsentscheid und dem seines Braunkohlenausschusses zu wählen hat. Der Braunkohlenausschuß begründet seine Stellungnahme mit dem Hinweis, es sei volkswirtschaftlich nicht vertretbar, ein Braunkohlenvorkommen von 450 Mill. t ungenutzt zu vergeuden. Würde der Kabinettsbeschluß Wirklichkeit, dann werden die Kosten für die Gewinnung des verbleibenden Kohlenvorrats und damit auch die Stromkosten steigen. Für den Braunkohlenabbau reservierte der Ausschuß ein Gebiet, das im Norden von der Bundesstraße Köln-Jülich, im Westen von der Rur, im Süden von der Bundesbahnstrecke Köln-Aachen und im Osten von der Grenze der Regierungsbezirke Köln und Aachen gebildet wird.

Vom Braunkohlenbergbau ist – unter Hinweis auf seine eigene intensive Förderung der Kernenergie – ausschließlich gegen die Standortwahl Einspruch erhoben worden. Von Kennern des Landes und seiner wirtschaftlichen Verhältnisse wird vorgeschlagen, das Atomforschungszentrum des Landes in den gewerblich, landwirtschaftlich und industriell weniger entwickelten weiten Gebieten der Eifel, also im Kreis Schleiden, zu errichten. Für diesen Standort sprechen alle vernünftigen Überlegungen. Oder will das Düsseldorfer Kabinett wirklich Bodenschätze im Werte von Milliarden nur deshalb "liegenlassen", weil der Erbwald für einige beamtete Interessenten 20 Autominuten näher liegt als die Eifel? Wir hoffen, daß sich auch Bundesstellen einmal für diesen Fall interessieren, weil es der Bundesrepublik nicht gleichgültig sein kann, was mit ihren Bodenschätzen geschieht... Rlt.