D. L., London, Anfang November

Vor wenigen Wochen wäre auf dem Parteitag der Labour-Party in Brighton – der übrigens freimütiger und demokratischer verlief als der nachfolgende Parteitag der Konservativen – das sozialistische Lager Englands beinahe gespalten worden. Es ging um die weit in der Zukunft liegende Frage, ob die Großindustrien zu nationalisieren wären oder ob eine erworbene Staatsbeteiligung ausreichend sei. Gegensätzliche Ansichten vertraten die Sozialisten aus Tradition, zu denen die alte Garde unter Morrison und die Gewerkschaftler gehören, und die Gruppe der Jungen, die Sozialisten aus intellektueller Überzeugung sind.

Diese Fragen sind jetzt aber in den Hintergrund gedrängt worden – sie mußten den aktuellen Problemen der Preis- und Lohnpolitik Platz machen. Seitdem die britischen Gewerkschaften bekanntgaben, daß sie nichts – es sei denn, die Preise bleiben stabil – abhalten würde, neue Lohnforderungen durchzusetzen, wird in allen Lagern nur noch von Kampf gesprochen: Kampf gegen die Regierung, Kampf gegen die Prosperität, Kampf gegen die Opposition. Der Gedanke des Kampfes gegen die Inflation, gegen das Grundübel, kommt nur noch über Umwegen zum Ausdruck ...

Am Tage des Zusammentritts des britischen Parlaments nach den Ferien kündigte Schatzkanzler Thorneycroft weitere Kürzungen im Investitionsprogramm der Regierung für die kommenden zwei Haushaltsjahre an, die im Bergbau und in der Elektrizitäts- und Gasindustrie nahezu 10 v. H. der Voranschläge ausmachen. Aber auch das Modernisierungsprogramm der Eisenbahn, das Entwicklungsprogramm der Atomkraftwerke, der Straßen- und Hausbau, also fast alle Gebiete der direkten Einflußsphäre der Regierung, sind von den Einschränkungen betroffen. Mit diesen staatlichen Maßnahmen im Rücken wandte sich der Schatzkanzler dann gegen die Lohnforderungen und ließ durchblicken, daß er es, wenn notwendig, auf eine Kraftprobe mit den Gewerkschaften ankommen lassen würde. Sein Kollege, Minister Macleod, ging am folgenden Tage sogar noch weiter, als er feststellte, daß die Regierung inflationistische Lohnerhöhungen nicht anerkennen würde und finanziell nicht tragen könnte, gleichgültig, ob sie frei vereinbart oder durch einen Schlichtungsausschuß vorgeschlagen werden.

Dies würde nun aber nichts anderes bedeuten als die Zerstörung der einzigen Einrichtung, die bisher wirksam und bindend zwischen den Sozialpartnern vermitteln konnte. Die Labour-Party hatte, als sie an der Regierung war, einmal versucht, Lohnforderungen mit negativen Mitteln zu begegnen; sie war gescheitert. An der gemeinsamen Front einer natürlichen Verbindung von Labour-Party und Gewerkschaften müßten heute jedoch die Konservativen ebenfalls scheitern. Die konservative Partei ist sich dessen bewußt; sie weiß ferner, daß sich Großbritannien gegenwärtig keine Kraftprobe im Innern leisten kann. Die Schlichtungsausschüsse bieten den einzigen Weg, der der Regierung offen ist, wenn sie den Lohnforderungen der Gewerkschaften eigene Forderungen nach höherer Leistung mit dem Abschaffen von Arbeitsrestriktionen entgegenstellen will. Selbst wenn die Äußerungen von Minister Macleod nur im Eifer des Gefechts gesprochen sein sollten, so haben sie doch dazu beigetragen, daß sich die Labour-Party ihres Nahzieles, nämlich der Ablösung der konservativen Regierung, erinnerte, während sich die Reihen der Konservativen zur Beunruhigung der Regierungspartei seit dem Beginn der wirtschaftlichen Schwierigkeiten erkennbar lichteten und sich, wenn es so bleibt, kaum mehr konsolidieren dürften.

Inzwischen hat die britische Staatsbank, die Bank of England eine neue Sorgenquelle entdeckt, gegen die sie ziemlich machtlos ist. Mit dem Erhöhen des Diskontsatzes auf 7 v. H. wurden die bestehenden Kreditbeschränkungen weiter verschärft. Aus dieser Situation hat sich schnell ein umfangreicher inoffizieller Geldmarkt entwickelt, der nicht an die Richtlinien des Schatzkanzlers gebunden ist und der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Kunden zu versorgen, deren Banckredite gekürzt oder gestrichen wurden. Im Mittelpunkt dieses neuen Geldmarktes stehen hauptsächlich Finanzierungsgesellschaften, die sich bisher mit der Finanzierung von Teilzahlungsgeschäften befaßt hatten. Allerdings verlangen diese Finanzierungsgesellschaften einen Zinssatz von mindestens 15 v. H., verglichen mit höchstens 9 v. H. für – allerdings nicht erhaltbare – Bankkredite. Auch das Ausland zeigt sich, nachdem die Befürchtungen einer unmittelbar bevorstehenden Abwertung abgeflaut sind, am Ankauf von britischen Wechseln interessiert und bezieht diese hauptsächlich über die kleineren Finanzierungshäuser, wobei die Bank von England mit Mißvergnügen feststellt, daß ein guter Teil der kontinentalen Sterlingreserven, die von den Banken nach der Besserung der Sterlingnotierungen aufgebaut wurden, deshalb nicht in Erscheinung tritt, weil er profitreicher in dem inoffiziellen Markt angelegt werden kann.

Diese Gegenkräfte der offiziellen Finanz- und Währungspolitik werden sich bei der gegenwärtigen Gesetzeslage (die Finanzierungsinstitute unterliegen im Gegensatz zu den hiesigen Banken keiner Aufsicht) solange nicht ausschalten lassen, wie der hohe Diskontsatz aufrechterhalten wird. Denn: der sekundäre Geldmarkt mit 15prozentigen Zinsforderungen ist nicht das Ergebnis von Spekulationen, sondern der Ausdruck der durch die Höhe des Diskontsatzes geschaffenen schwierigen Lage der britischen Wirtschaft.