S. L., Berlin

Was in Bonn geschah, blieb in Berlin nicht ohne Folgen. Daß ihr Berliner Landesvorsitzender Franz Neumann bei der Wahl des SPD-Fraktionsvorstandes die geringste Stimmenzahl erhielt (35 von 156) und damit aus dem Bundesvorstand ausschied, mag der Berliner SPD-Führung ein warnendes Signal gewesen sein. Sie wartete deshalb nicht, bis sechs von den zwanzig Berliner Partei-Kreisen einen außerordentlichen Parteitag beantragten (wie es die Satzung erfordert), sondern gab schon dem Antrag von drei Kreisen – Charlottenburg, Wilmersdorf und Steglitz – statt. Der außerordentliche Parteitag wird nun am 12. Januar stattfinden. Haupttagungspunkt: Neusecht Junger diso ware sich einschneuer ob die Ära des Franz Neumann, der seit sieben Jahren an der Spitze der Berliner Sozialdemokraten steht, zu Ende geht. Vor genau einem Jahr hat sich die Spannung zwischen dem "rechten" und dem "linken" Flügel der Berliner SPD zuungunsten Neumanns verschärft, als er auf der Berliner Ungarn-Kundgebung Unruhe nicht nur bei den Massen, sondern auch bei den Mitgliedern seiner Partei. Im Mai verlor er dann rund ein Drittel der Delegiertenstimmen.

Die Amtsperiode des Vorstandes, die normalerweise zwei Jahre dauert, läuft nun schon nach acht Monaten ab. Drei Berliner Kreise haben, wie gesagt, ihr Mißtrauen gegen Neumann erklärt und allgemeine Neuwahl des Vorstandes verlangt. Das geschah bereits im September, damals ausgelöst durch die Emsigkeit, mit der Neumann die Bürgermeisterkandidatur Willy Brandts zu hintertreiben suchte. Die beschämende Kampfwahl Kurt Landsbergs zum Parlamentspräsidenten hat Neumanns Ansehen unter den Mitgliedern gewiß nicht gefördert.

Acht Stunden haben Landesvorstand und Landesausschuß diskutiert, ehe sie (mit nur wenigen Enthaltungen) den außerordentlichen Parteitag festsetzten. Bis dahin wird ein erbittertes Ringen um das Fußvolk der Partei einsetzen.

Für alle Kreisdelegiertenkonferenzen, auf denen "personelle Vorstandsfragen" erörtert werden sollen, hat er sein Erscheinen angekündigt.