Vor einigen Tagen sprach unter Ausschluß der Öffentlichkeit im Kurhaus des Staatsbades Salzuflen vor dem Wirtschaftspolitischen Arbeitskreis Lippe-Ostwestfalen, einem Zweig des Rhein-Ruhr-Klubs, der sowjetische Botschafter Smirnow. Da die Presse und auch die Deutsche Presseagentur von der Teilnahme an dem Vortragsabend ausgeschlossen waren, lag eine gewisse Spannung über den 170 erschienenen Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, die aus der Bundesrepublik und Westberlin gekommen waren, um von Herrn Smirnow ein Privatissimum über das Thema "Die Wirtschaftsentwicklung der UdSSR und ihre Außenhandelsbeziehungen" zu hören. Diejenigen, die nur zu dem Vortrag gekommen waren, sind kaum auf ihre Kosten gekommen, was nicht anders zu erwarten war, da der Botschafter schließlich nichts anderes bieten konnte als einen kurzen Überblick über die sowjetische Wirtschaft. Deswegen muß man nicht unbedingt nach Salzuflen fahren. Weit bemerkenswerter und ergiebiger dagegen waren die Kaffeetafel und das Abendessen mit dem Botschafter. Dazu fand sich jedoch nur ein ausgewählter Kreis zusammen ...

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Bei der Eröffnung der Veranstaltung gedachte man des verstorbenen Botschafters Pfleiderer, der vor zwei Jahren im Rhein-Ruhr-Klub auf die Notwendigkeit einer aktiven neuen Ostpolitik hingewiesen hatte. Die Hörer konnten Smirnow dann oft nur schwer folgen, wenn er Prozentzahlen über die Steigerung gewisser Industrieerzeugnisse nannte, von 10- oder 20facher Produktionssteigerung sprach, es aber unterließ, irgendwelche Ausgangszahlen zu nennen. Sicherlich hätte gerade dieses Auditorium gern erfahren, wie viele Millionen Tonnen Stahl die Sowjetunion heute herstellt oder wie viele Kraftwagen die Hallen verlassen. Der Botschafter hätte eine solche Frage nicht beantworten können, da bereits seit über 25 Jahren das Amt für Statistik beim Ministerrat der UdSSR solche Zahlen nicht mehr veröffentlicht hat.

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Interessant aber war das Eingeständnis des Botschafters, daß die Hektarerträge in der Sowjetunion kleiner als in der Bundesrepublik seien. Smirnow wies die Wirtschafter deutlich darauf hin, daß sich der Handel zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik ebensogut wie zwischen der Sowjetunion und Österreich entwickeln könne und schlug als reale Ausgangsbasis einen gegenseitigen Warenaustausch in Höhe von 3,5 bis 4 Mrd. DM vor. Smirnow lobte die Qualität der gelieferten 24 Schiffe der Howaldts-Werft und deutete an, daß die Sowjetunion bereit sei, weitere 30 Schiffe in Kiel zu bestellen.

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Bei solchen Begegnungen sollte man alle politischen Anspielungen beiseite lassen. Sie führten in der Diskussion tatsächlich auch zu nichts. Die Besprechungen bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wein waren weit fruchtbringender. Smirnow notierte sich manche Bitten der anwesenden Industriellen, die er zu erfüllen versprach. Beispielsweise will er sich persönlich dafür einsetzen, daß die Ingenieure einer westdeutschen Firma, die gemeinsam mit einem englischen Werk ein größeres Projekt in Leningrad verwirklichen sollen, endlich zu ihrem Visum kommen. Es schien beinahe so, als sei das Klima in Salzuflen besser dazu geeignet, die kleinen Fragen zu klären, an denen schon so oft große Pläne gescheitert sind. Man konnte sich manchmal allerdings auch nicht der Frage erwehren, warum manche Herren erst hier aus sich herausgingen, während sie den Weg zur UdSSR-Botschaft noch nicht fanden. Solche Fragestunden sollten daher fortgesetzt werden, da man sich damit am besten näherkommen kann. Erfreulich war es jedenfalls‚ daß Botschafter Smirnow seinen Vortrag mit der Erkenntnis schloß: "Es scheint mir, daß auch das deutsche Volk keinen Krieg gegen die Sowjetunion wünscht." H. L.