Soweit also die Einzelheiten des Programms von Münster". Die Wirtschaftsredaktion der ZEIT braucht hierzu kaum besonders zu betonen, daß sie eine etwas elastischere Haltung des Sprechers der Industrie in der Frage der Selbstfinanzierung gewünscht hätte. Bei diesem Punkt ergibt sich ja auch ein Gegensatz zwischen den Ausführungen Bergs und der Meinung Professor Erhards, wie sie in dem Gutachten zur Kapitalmarktreform niedergelegt ist. So schwierig es sein wird, zwischen Kapitalgesellschaften und Personalunternehmungen zu differenzieren – diesen also das "Sparen im Betrieb" auch weiterhin zu erleichtern, jenen die Selbstfinanzierung zu beschneiden und sie auf den Kapitalmarkt zu verweisen –: hier ist eine Aufgabe, der nicht ausgewichen werden darf.

Auch in einem anderen Punkt zeichnen sich später mögliche (oder sogar wahrscheinliche) Differenzen zwischen der Auffassung des Bundeswirtschaftsministers und derjenigen des industriellen Spitzenverbandes ab – nämlich in der Frage der "Preiswahrheit", also der Bemessung der Preise nach den (volkswirtschaftlich notwendigen) Kosten. Wir können uns kaum vorstellen, daß weitere Kostensteigerungen, wie sie beispielsweise – von möglichen Lohnerhöhungen ganz zu schweigen – aus der "Anhebung" der Bundesbahntarife resultieren müssen, von allen gewerblichen Branchen "aufzufangen" wären, ohne daß dabei die Ergänzungs- und Modernisierungsinvestitionen oder aber (speziell bei den Aktiengesellschaften) die ausschüttbaren Erträgnisse zu kurz kommen. Wahrscheinlich wird sich schon recht bald zeigen, daß sich die Dinge sehr hart im Räume stoßen.

Was die Auffassung betrifft, daß gewisse Steuerausfälle, wie sie durch (erweiterte) steuerliche Begünstigungen des Sparens aller Arten und durch Tarifreformen (oder "Tarifanpassungen") bei einigen wichtigen Steuerarten zu erwarten sind, verhältnismäßig leicht zu "verkraften" wären – zumal dann, wenn sie auf den Vier jahreszeitraum der Legislaturperiode verteilt werden – so ist hier ein nachdrückliches Fragezeichen zu setzen. Wie man die Dinge auch drehen und wenden mag, das Ergebnis bleibt doch eindeutig: nämlich daß zum rechnungsmäßigen Ausgleich des laufenden Bundeshaushalts (im Ordinarium und Extraordinarium) rund 6 Milliarden an Reserven – Mittel aus dem "Juliusturm" – eingestellt worden sind, die "einmalige Deckungsmittel" waren, für den Ausgleich des neuen Haushalts also fehlen. Es mag wohl sein, daß zum Ende dieses Haushaltsjahres noch beträchtliche Kassenreserven "im Turm liegen", nämlich 2,5 Mrd. oder mehr: ihnen werden dann freilich "Ausgabenreste" aus dem Etat 1957/58 in mindestens der gleichen Höhe entsprechen. Der "zu erwartende Steuerzuwachs" aber (von günstigstenfalls 2,5 Mrd.) und die Ausgabenentlastung, die im neuen Etatsjahr (durch Wegfall der Bundesbahnsubventionen und des Postens "Rückzahlung der Bundesanleihe") zu erwarten ist, werden völlig aufgewogen dadurch, daß – laut Kabinettsbeschluß – 3,6 Mrd. an "alten" Ausgabebewilligungen vom Bundeswehrminister zu bedienen sind, für die bisher keinerlei sonstige Deckungsmöglichkeiten gezeigt worden sind. Jede Mark an Mehrausgaben und jeder Pfennig an Steuersenkungen, die demnächst für den Haushalt 1958/59 beschlossen werden, sind also "auf ein Defizit gestellt" – es sei denn, man glaube an Auslandsanleihen, Inlandsanleihen oder noch andere "Konstruktionen", über die wir (in dem Aufsatz "Gute Absichten – harte Tatsachen") kritisch berichten. Angesichts dieser Fakten scheint es uns ein etwas magerer Trost zu sein, daß man ja Mehrausgaben und Einnahmeausfälle nicht gleich im nächsten Haushaltsjahr ausgleichen müsse, sondern die Last auf die vier Jahre der Legislaturperiode verteilen könne – sowenig wir auch von den Ideen entzückt sind, jetzt schon die Ausgleichsabgabe oder die Bürgersteuer (oder gar beide neuen Steuern zugleich!) einzuführen: siehe den Aufsatz "Was kann Etzel tun?" in Nr. 44 der ZEIT. n. f.