Aus dem Europa-Etzel ist ein Bundes-Etzel geworden. Der designierte Präsident der Hohen Behörde (und vielleicht von Euratom), einer der ganz wenigen profilierten Männer der europäischen Richtung der deutschen Politik, hat sich in den national-föderalistischen Rahmen eines einzigen Partnerstaates der europäischen Einigungsbewegung zurückgezogen, um ihm als Finanzminister zu dienen. Warum vertauschte er Bonn mit Luxemburg, das schon der französische Präsident René Mayer verließ, um in die Finanzgeschäfte seiner nationalen Wirtschaft zurückzukehren? Ist die deutsche Steuerpolitik wichtiger, interessanter oder gar verlockender als das, was Etzel noch vergangenes Jahr als das Ziel, als sein Ziel verkündete: die besten Männer, die härtesten Energien, den tiefsten politischen Glauben für Europa zu mobilisieren?

Daß Etzel den Weg in die nationalstaatliche Politik zurückfand, aus der er einst als Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses der CDU in die europäische Höhenlage herausgewachsen war, halten wir – das möge uns Franz Etzel nicht übelnehmen – nicht für den notwendigsten aller möglichen Schritte. Doch immerhin: Die Änderung der innerdeutschen Finanz- und Steuerpolitik ist eine dringende und höchst wichtige Aufgabe. Denn die Steuerpolitik der jüngsten Vergangenheit enthielt viele Fehler, die nicht so sehr methodischer Art waren, als vielmehr aus der Haltung des bisherigen Chefs hervorgingen. Man hört zwar oft, daß gerade unter dieser Steuerpolitik der erstaunliche Aufschwung der Wirtschaft geglückt sei. Aber kann man leugnen, daß dieselbe Steuerpolitik ihren Teil zu der allbekannten Überhitzung, ja Übersteigerung des Konsums beigetragen hat? Es wurde Lebensstandard produziert – und süchtig aufgegriffen –, aber kein Wohlstand. Der deutschen Lebenshaltung fehlen die Fundamente; und ihr Bau muß nachgeholt werden.

Diese Aufgabe hat Franz Etzel klar erkannt. Und er hat Sorge getragen, daß diese Erkenntnis in der Regierungserklärung des Kanzlers zum Ausdruck kam. Auch in seinem ersten Gespräch mit Journalisten hat er den Willen bekundet, eine Reform innerhalb der Steuerarten durchzuführen, eine Reform, die das Ziel hat, Eigentumsbildung auf breitester Basis zu ermöglichen und sinnvoll zu unterstützen.

"Das deutsche Volk soll ein Volk von Eigentümern werden" – so lautet Etzels Parole, gemischt aus Ernst und Humor. "Freilich fügte er sogleich hinzu: "Keiner darf natürlich glauben, daß ich ein Dukatenmännchen sei."

Nun, eine solche Hoffnung, ist wohl noch niemals auf einen Finanzminister gesetzt worden. Man weiß ohnehin, daß die "Juliustürme" noch gerade vor Toresschluß des zweiten Kabinetts Adenauer ausgeräumt wurden und daß der Bundestag darüber hinaus dem dritten Kabinett langfristige und hohe Ausgabeverpflichtungen auferlegt hat. Das Amt, das Franz Etzel antritt, ist schwer, sehr schwer sogar. Wird Et,zel, der nicht unbedingt eine Kämpfernatur ist, nicht zuviel Nervenkraft verschleißen? Schäffer hat ihn gewarnt: "Für dieses Amt brauchen Sie Nerven wie Drahtseile!"

Luxemburg war keine Arena, um Nerven zu prüfen. Es war ein Feld, auf dem starker Verstand, klare politische Einsicht und Geduldsvermögen unter ständiger Anspannung, zuweilen Höchstspannung, lagen. Das war Etzels Milieu. In Luxemburg brauchte er nicht viel zu reden und zum Rednerpult fühlte sich der frühere Anwalt aus Duisburg und Politiker Franz Etzel sowieso nicht gedrängt. In der Kunst der Argumentation ist er seinem Vorgänger weit unterlegen. Aber Etzel bringt ein Wissen mit, das wichtiger ist und bedeutsamer werden kann: Er sieht das Staatssäckel nicht als Selbstzweck, nicht als Kraft von der Art des Perpetuum mobile an. "37 Milliarden Bundesetat sind genug." Er will den Grundsatz verwirklichen: Dem Staate, was des Staates ist, dem Bürger, was des Bürgers ist!

Die Hohe Behörde war für Etzel eine Hohe Schule. Das gibt er offen zu. Ihm sind internationale Finanzverhandlungen vertraut geworden, vertraut wie das politische Parkett und die allüberall – ob positiv, ob negativ – wirkende Routine. Vielleicht wird er der Bundesrepublik die erste große Auslandsanleihe verschaffen, die Rüstung zu finanzieren. Das heißt, die Steuerlast der Gegenwart auf lange Fristen verteilen.