Als Juan Manuel Fangio in diesem Jahr die fünfte Weltmeisterschaft im Automobil-Rennsport gewonnen hatte, verkündete der seit vielen Jahren erfolgreiche 47jährige Rennfahrer, daß er sich nun vom aktiven Rennsport zurückziehen und seinen Rivalen den Kampf um die vorderen Plätze auf den Rennpisten Europas, Afrikas und Südamerikas überlassen wolle. Bald darauf kam aus Paris die Meldung, daß er einen Vertrag unterzeichnet habe, in dem französischen Film "Grand Prix" die Hauptrolle zu übernehmen.

"Sie sind ein schlechter Sportsmann und ein äußerst fragwürdiger Weltmeister", hatte der amerikanische Verleger Clymer eines Tages an Fangio geschrieben, "weil Sie sich geweigert haben, zusammen mit anderen europäischen Fahrern beim 500-Meilen-Rennen in Monza gegen die amerikanische Elite anzutreten. Ich biete Ihnen 500 Dollar für den Tag, an dem Sie Ihre Nennung für Indianapolis abgeben und setze 5000 Dollar aus, wenn Sie sich beim Rennen unter die ersten fünf plazieren."

Dieser Brief an den Weltmeister der Jahre 1951, 1954, 1955, 1956 und 1957 hat in Sportkreisen um so mehr befremdet, als nach dem Zeugnis des jungen englischen Rennfahrers Stirling Moss Fangio der beste Rennfahrer ist, den wir haben und je hatten – größer als Carracciola und Nuvolari. Der erfolgreiche Argentinier ließ sich ruhig einen Feigling nennen und antwortete: "Ich setze meinerseits gern 10 000 Dollar für jeden Amerikaner, der auf dem Nürburgring unter die ersten zehn kommt." Dieses Angebot konnte Fangio leicht riskieren, weil die amerikanischen schweren Rennwagen mit Zweiganggetriebe auf dieser Strecke nicht starten können. In Amerika werden in unzähligen Geschwindigkeitskonkurrenzen die Maschinen geprüft, während man in Europa noch auf Kurse Wert legt, bei denen die Qualität des Fahrers entscheidet. Der Rekordweltmeister Fangio kann Zeugnisse seiner größten Gegner vorweisen, die ihm höchste Meisterschaft hinter dem Steuer zuschreiben. Der Engländer Moss lobt seinen vielfachen Bezwinger mit den Worten: "Wie er in Monaco unseren drei karambolierenden Wagen auswich, wie er 1955 in Le Mans – unmittelbar hinter dem Franzosen Levegh fahrend – der Katastrophe entkam, das bestätigt nur seine Geschicklichkeit und Ruhe am Steuer. Wie wir uns auch bemühen, ihm den Sieg streitig zu machen, es gelingt nur durch Zufall und es bleibt ein schwacher Trost für uns, daß er mit 47 Jahren unser aller Vater sein könnte."

"Wer Rennfahrer werden will, darf Arbeit nicht scheuen. Man muß es ertragen, von Kopf bis Fuß mit Öl beschmiert zu sein. Man muß mit dem Auto aufwachsen, sich selbst seine Wagen bauen, hinter dem Haus in einer Scheune. Man wird nicht Weltmeister, indem man sich hinter ein Steuer setzt und auf das Gaspedal tritt." In dieser Forderung Fangios steht eigene Lebenserfahrung. Als kleiner Junge hatte er schon auf der sonnenheißen Pampa rund um seine Vaterstadt "Klein Balcarca" in der Provinz Buenos Aires "Seifenkisten" zusammengebaut. Sein erstes Rennen 1938 war seine Bewährungsprobe. Während des Krieges verkaufte Fangio Autos in seiner Heimatstadt. Erst 1947, als Perón in Buenos Aires den größten Autorennplatz der Welt zu bauen begann, kam die Zeit für den inzwischen 37 Jahre alt gewordenen Fangio. Während eines Rennens in Rio de la Plata bei 55 Grad Hitze wurde Stirling Moss schwindelig und gab auf. Der junge Italiener Castellotti stoppte seinen Wagen vor den Boxen und fiel in Ohnmacht, andere Wagen wechselten bis zu zehnmal ihren Fahrer. Fangio erlitt am rechten Bein Brandblasen, aber er fuhr sein Rennen zu Ende. Mit großer Ruhe lehnt er heute Rennen ab, die ihm unsicher scheinen: "Keiner, der ein Gewissen hat, kann bei der Mille miglia noch mitfahren sagte er im Vorjahr, und dann ereignete sich bei diesem großen offenen Rennen jener furchtbare Unglücksfall, bei dem ein Spanier fünfzehn Zuschauer tötete.

Sein Privatauto fährt Fangio übertrieben beherrscht und langsam. Er raucht kaum, trinkt nicht und ist in seiner Rennfahrerlaufbahn weder in sportlicher Beziehung noch privat Ursache eines Skandals gewesen. Dem Rennfahrernachwuchs gibt der fünffache Weltmeister gute Ratschläge. "Jedem begeisterten Jungen rate ich, auf Schrottplätzen nach Motoren zu suchen und sich selbst den Wagen zusammenzubasteln, mit dem er sein erstes Rennen fährt. Ich wünschte für sie Juniorenrennen mit mäßigen Geschwindigkeiten, die den Jungen noch Zeit zum Überlegen lassen. Diese Wagen sollen nicht mehr als 1100 ccm Hubraum besitzen, die Höchtsgeschwindigkeit dieser Rennen soll nicht mehr als 70 Stundenkilometer betragen."

Wenn sich die bedauerliche Entwicklung des Automobilsports in den letzten Jahren überhaupt noch bremsen läßt, wenn Formelwagen-Rennen noch etwas mit Sport zu tun haben sollen, dann wohl nur, wenn sich der Rennsport in den Bahnen hält, die Juan Manuel Fangio bei vielen Anlässen deutlich genug gefordert hat. Rupert Kerer

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