Von Heinz Stuckmann

Köln, im November

Das erstemal hatte ich ihn auf dem Petersberg gesehen, als die Hohen Kommissare noch dort residierten. Er hatte sich dort – mitten im Winter – mit einem Zelt niedergelassen und wollte gegen irgendwas protestieren – ich weiß nicht mehr gegen was, denn das ist lange her. Garry Davis, Weltbürger Nr. 1, weiß es auch nicht mehr genau, denn er hat viel protestiert seit jener Zeit und auf mancherlei Art und Weise. Zuletzt tat er es in Paris, und deshalb erwarteten ihn seine Freunde in Köln: "Die Franzosen schmeißen ihn raus. Die sind sowieso sauer auf ihn. Nach Belgien kann er auch nicht. Bleibt nur Deutschland." So erwarteten sie ihn. Mal wieder.

Die Erwartungen derer, die in einem künftigen Weltbürgertum das Heil der Menschen sehen, sind indes sehr geteilt. Wenigstens hierzulande. Gab es doch bei uns bereits vor Jahren eine entsprechende Organisation. Viele junge Leute schrieben sich damals ein und verpflichteten sich zu diesem und jenem – und zu einem Beitrag. Das mit dem Beitrag vergaßen sie, und eben das war ihr Pech. Denn ohne Beitrag kam die Organisation bald unter den Hammer, und die Konkursverwalter trieben nun rücksichtslos ein, was jahrelang versäumt worden war. Alles auf einmal. Schöne runde Summen. Seitdem sind viele künftige Weltbürger nicht mehr gut auf den Garry zu sprechen. Obwohl er doch gar nichts dafür kann, denn er hatte natürlich keine Zeit zum Beitragkassieren. Der mußte reisen und protestieren. Wie zuletzt in Paris – Ende September.

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Da hat Garry Davis in Paris Damenunterwäsche gestohlen. "Es ging mir nicht um die Damenunterwäsche", erklärte Davis in Köln. "Ich wollte nur auffallen. Und die Behörden mal zur Besinnung bringen." Damenunterwäsche schien ihm gut und richtig, um in Paris aufzufallen. Und Paris schien ihm der geeignete Ort zu sein, um aufzufallen, denn er ist auf die französischen Behörden nicht gut zu sprechen: Sie geben ihm kein Visum mehr. Garry Davis aber ist der Ansicht, daß er ein Recht aufs Visum hat und beweist es mit vielen Worten und mit dem Artikel 13 der Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen: "Jeder Mensch hat das Recht auf Freizügigkeit und die freie Wahl des Wohnsitzes innerhalb eines Staates. Jeder Mensch hat das Recht, jedes Land – auch das eigene – zu verlassen sowie dorthin zurückzukehren."

Garry in Paris: "Wenn ich Unterwäsche stehle, dann muß ich bestraft werden. Ich kann aber nur bestraft werden, wenn ich unter dem Gesetz stehe. Wenn ich aber unter dem Gesetz stehe, dann stehe ich nicht nur unter seinen Pflichten, sondern auch unter seinen Rechten. Zu diesen Rechten zählt auch das Wohnrecht."