A d F, Rom, Mitte November

Bei den Bürgern Roms war Kaiser Wilhelm II. populär. "Famos, vraiment magnifique!" soll er ausgerufen haben, als er – in der Uniform eines Husarenoffiziers und mit einem langen, wallenden türkisfarbenen Umhang um die Schultern – am 11. Oktober 1888 das Appartement betrat, das ihm im Quirinalspalast bei seinem ersten Staatsbesuch zur Verfügung gestellt wurde. Die gleichen Räume wurden gewählt, als Bundespräsident Professor Theodor Heuss und Außenminister von Brentano jetzt ihren Besuch in der italienischen Republik ankündigten.

Damals, als die Römer "Guglielmone", wie sie den letzten deutschen Kaiser heute noch nennen, zu Besuch erwarteten, wurden die Gemächer im Quirinal eigens im pompös-verschnörkelten und vergoldeten Stil des Ein de siècle eingerichtet. und den Deckengemälde in dem Schlafzimmer, das Heuss zugedacht wurde, breitet sich eine füllige Göttin aus. In dem für von Brentano reservierten Bad haben die Wasserhähne die Form von Delphinen. Aber wenn die beiden deutschen Staatsmänner auf die Loggia hinaustreten, sehen sie auf einen Platz hinunter, der seine Stilreinheit durch Jahrhunderte bewahrt hat. Es ist der weite, stille Quirinalsplatz mit dem Obelisken und den Statuen der rossezügelnden Dioskuren Castor und Pollux. Übrigens nahm von demselben Balkon im Mai 1938 der "Führer" eines anderen Deutschland die Huldigung der faschistischen Schwarzhemden entgegen. Hiller wurde jedoch nicht in den imperialen Gemächern, sondern dort untergebracht, wo sich jetzt eines der Arbeitszimmer des italienischen Staatspräsidenten befindet.

Man weiß in Rom, daß sowohl Professor Heuss als auch Dr. von Brentano dem humanistischen Geiste verbunden sind und hofft, daß sie nicht nur den Anblick dieses Platzes, sondern auch seine Historie genießen: Auf dem Quirinalshügel standen im alten Rom der Tempel des Gottes Quirinus und später die Thermen des Kaisers Konstantin. und diesen Bädern stammt die Gruppe jener spielerischen Dioskuren-Jünglinge, die Kopie eines griechischen Originals. Der Obelisk hingegen krönte einst das Originals des Augustus. Im frühen Mittelalter erhob sich auf dem Hügel die Zwingburg des römischen Patriziers und Diktators Crescentius. Von ihr ist keine Spur mehr zu finden.

Der Bau des Quirinalspalastes, der heute noch auf die Tiberniederung und den Kern des alten Rom herabblickt – Michelangelos Peterskuppel scheint über dem Dunst der Stadt zu schweben –, wurde unter der Herrschaft des gelehrten Juristen auf dem Thron Petri, Gregor XIII., begonnen. Vollendet wurde er aber erst fast 30 Jahre später, Anfang des 17. Jahrhunderts, unter dem Pontifikat des herrschsüchtigen, stolzen Papstes Paul V. Borghese, der seinen Bart auf Kavaliersweise wie der damalige französische König trug. Noch heute prangt sein Name über dem Eingang zur großen Kapelle des Quirinals, dicht an der wunderbaren Decke in vergoldeter Stuckarbeit.

Dem päpstlichen Regiment hat der Quirinal jedoch kein Glück gebracht. Urban VIII. Barberini, der lieber König als Priester sein wollte, ließ der Hauptfront einen wuchtigen runden Turm mit Schießscharten für Kanonen anfügen und mußte dennoch vor der Wut der Römer in die Albaner Berge fliehen. Die heftigste Szene aber sah der Quirinal im Jahre 1789: Die Truppen der Französischen Revolution plünderten den Palast. Und ein Dezennium später stürmte ein französischer General mit einer Handvoll Soldaten die breite Wendeltreppe hinauf, nahm auf Napoleons Befehl den schmächtigen und kranken Pius VII., der mit würdiger Standhaftigkeit der Unterwerfung der Kirche unter den Willen des korsischen Cäsaren widerstanden und ihn sogar exkommuniziert hatte, kurzerhand gefangen und schleppte ihn nach Fontainebleau, von wo er erst 1814 in den Quirinal zurückkehrte. Dort starb er einige Jahre danach. Und Klio, die Muse der Geschichte, hat noch ein anderes Mal ein tragisches Kapitel europäischer Entwicklung mit dem Quirinal verknüpft. Von hier aus trat Pius IX., der letzte unter den Päpsten, die zugleich weltliche Herrscher waren, im unruhigen Jahr 1848 als einfacher Priester verkleidet, die Flucht nach der südlichen, zum bourbonischen Reich gehörenden Festung Gaeta an. Aufgeregte Volksmassen hatten stürmisch mehr Freiheit und die nationale Vereinigung gefordert und den Quirinal belagert. Vom Quirinalsplatz aus wurde in das päpstliche Vorzimmer geschossen. Ein Prälat fiel, tödlich getroffen neben dem Papst zu Boden. Die zweite römische Republik wurde verkündet, und der Feuergeist Giuseppe Mazzini – ein enger Freund des Ungarn Kossuth – zog in den Palast ein. Freilich nur für kurze Zeit, denn bald marschierten die französischen Truppen des dritten Napoleon nach Rom, "um die Hauptstadt der katholischen Welt der Souveränität des Oberhauptes der Kirche zurückzugeben".

Doch Italiens nationale Einigung war nicht aufzuhalten. Mit Pius IX. erfüllten sich die Zeiten des weltlichen Papsttums. Während sein Gegner, König Viktor Emanuel II., einen Thron im Quirinal aufstellen ließ, verschloß der Papst sich als freiwilliger Gefangener im Vatikan. 1946 mußte jedoch auch Umberto II., der Urenkel des ersten italienischen Königs, die Residenz für die durch Volksentscheid eingeführte Republik räumen.