K. W. K., Buenos Aires Mitte November.

Ungeachtet der akuten politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die bereits zur Anarchie und zum Chaos aufzuwachsen drohen, hat die Regierung Aramburu mehrere große Projekte in Angriff genommen, deren Kosten in einem auffallenden Mißverhältnis zu den gegenwärtig verfügbaren Mitteln stehen. Da nur bei einem der Projekte die Frage der Finanzierung gelöst und ein Termin für den Arbeitsbeginn festgesetzt ist, gehört dieses argentinische Entwicklungsprogramm einstweilen noch nicht so sehr in das Gebiet der wirtschaftlichen Realität als in das der politischen Spekulation. Mit der Veröffentlichung und internationalen Ausschreibung ihrer großen Vorhaben sucht die argentinische Regierung offensichtlich die Industrien der nördlichen Erdhälfte und die internationalen Finanzierungsinstitute auf die großen Anlagemöglichkeiten und vielerlei gesunden Entwicklungsvorhaben hinzuweisen, Zugleich aber – und dies erscheint im Augenblick noch wichtiger – im Lande selbst so viel Interesse wachzurufen, daß in der öffentlichen Meinung und in den Parteien sich schließlich doch eine Mehrheit zugunsten der Mitwirkung des ausländischen Kapitals herausbildet. Wenn diese Spekulation sich als richtig erweist, würde sie den einzigen Weg öffnen, auf dem Argentinien seinen wirtschaftlichen Tiefstand überwinden kann.

Von den fünf großen Vorhaben, die bereits spruchreif geworden sind, steht zeitlich und wirtschaftlich der Bau von zwei Ölleitungen in erster Reihe. Die Ausführung wurde drei USA-Firmen übertragen, die den Gesamtauftrag (zwei Leitungen von zusammen 2300 km, eine Naturgasleitung von 1700 km und mehrere Nebenanlagen) bis Ende 1961 zum Gesamtpreis von 180 Mill. $ fertigstellen werden, von denen 30 Mill. in USA-Währung, 105 Mill. in westeuropäischen Währungen und 45 Mill. in argentinischen Pesos in einer Frist von nur sechs Jahren zahlbar sind; Dies würde möglich sein, da durch die Erschließung der großen Erdölvorkommen im Norden die devisenfressende Einfuhr vom zweiten Jahr ab entsprechend vermindert werden kann,

Als zweites Projekt wurde der Bau eines Wärmekraftwerkes in Buenos Aires der englischen Firma Thomson-Houston und der Bau der Nebenanlagen der Metropolitan-Vickers übertragen. Vom Gesamtpreis von 125 Mill. $ sind vier Fünftel in Sterling, der Rest in Landeswährung zu zahlen, bei einer Erstellungsfrist von vier und einer Zahlungsfrist von neun Jahren. Der Vertrag wurde noch nicht abgeschlossen, doch scheint die Vorfinanzierung gesichert zu sein. Wichtiger für die Lösung des Elektrizitätsproblems ist das dritte Projekt: der Bau des Wasserkraftwerkes "El Chocon", der einem französisch-englisch-italienischen Konsortium unter Führung der CITRA zugeschlagen werden dürfte, das infolge der kurzen Ausschreibungsfrist als einziger von zahlreichen (auch tschechischen und japanischen) Interessenten sein Angebot rechtzeitig fertigstellen könnte. Schon diese erste von insgesamt vier Ausbaustufen der Wasserkraft" des Limay-Flusses, 1200 km südlich von Buenos Aires, wird den Strombedarf der Hauptstadt für einige Zeit decken und zugleich ausgedehnte Gebiete im Süden landwirtschaftlich und industriell erschließen. Die Vorfinanzierung des Projekts durch europäische Banken ist noch nicht geklärt

Die letzten beiden Projekte tragen noch ausgesprochener den Charakter von Entwicklungsvorhaben. Im äußersten Norden des Landes soll der Bermejo-Fluß, der in Südbolivien entspringt und quer durch den argentinischen Chaco nach dem Paraguay verläuft, von einem 3900 m breiten Staudamm bei Oran aus in zwei schiffbare Kanäle geleitet werden, die gleichzeitig die Bewässerung und Besiedlung umfangreicher Wüsteneien ermöglichen. Für den Bau des Staudamms, eines Wasserkraftwerkes, des ersten Kanals von 730 km Länge mit Schleusen und sonstigen Anlagen sowie einer Werft zum Bau von Barkassen ist die internationale Ausschreibung erfolgt. Es wird mit Kosten von 100 Mill. $ und einer Bauzeit von zweieinhalb Jahren gerechnet. Die Finanzierung soll dadurch erfolgen, daß der Staat die bisher wertlosen Ländereien an Siedler verkauft. Das letzte Projekt dürfte am schwierigsten zu finanzieren sein: der Bau eines Tunnels unter dem Paranafluß zwischen den Städten Santa Fé und Parana, um die von breiten Flüssen eingefaßten, bisher nur mit Dampfer und Fähren zu erreichenden Ostprovinzen Entre Rios und Corrientes an das Landstraßennetz anzuschließen. Das Projekt, das 20 bis 30 Mill. $ kosten dürfte, erscheint nicht als dringlich, doch hofft der Staat die Kosten ganz auf die Baufirma abzuwälzen, indem er ihr eine langjährige Konzession auf Erhebung einer Benutzungsgebühr erteilt.

Dieses letzte Projekt, das bei der Konzessionsfirma ein volles Vertrauen in die Vertragstreue Argentiniens voraussetzt, zeigt besonders deutlich, daß die politischen Garantien wichtiger sind als die finanziellen. Für ein Land, dessen Volkseinkommen 1957 auf 238,6 Mrd. Pesos geschätzt wird, sollte die Ausführung der fünf gesunden und rentablen Projekte im Gesamtwert von 26 Mrd. Pesos, die im Laufe von zehn Jahren zahlbar sind, kein Problem bilden. Aber es sind nicht nur die Staatsfinanzen in Unordnung, wie das diesjährige Budgetdefizit von 12 Mrd. Pesos beweist, sondern auch die Sparrate ist zu gering, um ohne ausländische Hilfe auch nur das bescheidenste Entwicklungsprogramm durchzuführen. Einem sich rapid vermindernden Gold- und Devisenbestand von unter 200 Mill. $ stehen jetzt schon eine Auslandsschuld von 750 und ein Außenhandelsdefizit von jährlich 200 Mill. $ gegenüber. Das Entwicklungsprogramm muß also mit fremder Hilfe durchgeführt werden oder unausgeführt bleiben. Mit Seiner Propagierung aber sucht die Regierung dem auslandsfeindlichen Wirtschaftsnationalismus entgegenzuwirken und das Vertrauen des Auslands wiederzugewinnen.