Vor zehn Jahren, am 17. November 1947, ist Ricarda Huch zu Kronberg im Taunus gestorben – nur wenige Wochen nach ihrem heimlichen Weggang von Jena und ihrer Fahrt in den Westen.

Wenn der Insel Verlag in diesen Tagen eine Neuausgabe ihres großen Geschichtswerkes herausbringt, das die Dichterin selbst mit berechtigtem Stolz als ihre gelungenste Schöpfung ansah, dann liegt darin eine postume Huldigung und zugleich eine stumme Mahnung an unsere schnellebige Zeit, im Marktgetümmel hurtiger Produktion das Erbe von hohem künstlerischen Rang nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Ricarda Huch ließ in den Jahren 1912 bis 1914 die drei Bände "Der große Krieg in Deutschland" erscheinen. Sie tragen heute aus verständlichen Gründen einen anderen Titel:

Ricarda Huch: "Der Dreißigjährige Krieg" Insel Verlag, Wiesbaden. 1067 S., 19,80 DM.

Die Verfasserin stand damals an der Schwelle ihres fünften Jahrzehntes. Sie hatte die romantische, ästhetisierende Periode, ihres Schaffens hinter sich gelassen, der wir den stark bekenntnishaften "Ludolf Ursleu", die einfühlsamen Bände über "Blüte und Verfall der Romantik und die farbige Pracht der Triester Bilder "Aus der Triumphgasse" verdanken.

Inzwischen hatte die aus einer großbürgerlichen Familie Braunschweigs stammende Ricarda Hudi, die mit Ermanno Ceconi verheiratet war, den Süden und südliches Menschentum in sich aufgenommen und mit ihrem Wesenskern verschmolzen. Es blieb ihr in Erscheinung und geistiger Haltung der aristokratische Grundzug, dennoch gewann sie das Verständnis für die elementaren Kräfte echter revolutionärer Bewegungen. So entstanden ihre ersten historischen Arbeiten, die "Geschichten von Garibaldi", das "Risorgimento" und "Das Leben des Grafen Confalonieri".

Sie ist stets – vielleicht mit Ausnahme des "Fall Deruga" – den Weg schwer errungener Erfolge .gegangen; oftmals bis an die Grenze ihrer physischen Kräfte. Das Gefühl der Leere und des Ausgehöhltseins nach vollendetem Werk, wovon ihre Briefe, an mancher Stelle berichten, läßt uns erkennen, mit welch rücksichtsloser Strenge gegen ihre wenig robuste Gesundheit sie dem inneren Zwang nach Gestaltung folgte.