K-a, Berlin

Berlin SO 36 lautete die postalisch-trockene Adresse, die – ins "Milljöh" übersetzt – Kreuzberg meint. Hier suchte ich den Mann, der einer der populärsten Berliner ist: "Krücke", das Sportpalastoriginal. Auf einem Messingschild fand ich den Namen: "Reinhold Habisch, genannt Krücke"; da war ich also.

Krücke ist ein Relikt aus Berlins guter alter Zeit. Er gehört in die Reihe der Harfenjule, des Nante, des Meckerheini, des Kurvenbarons und der Blumenfrieda. Nun wird er bald siebzig. Kurz sitzt ein großer Kopf zwischen hohen Schultern; lebhaft blicken wache, helle Augen aus einem intelligenten Gesicht.

Als er mit 16 Jahren einen Unfall hatte, von dem ihm eine Hüfte steif blieb, war sein Traum, ein Radrennfahrer zu werden, zerstört. Er ging mit Hilfe einer primitiven Holzkrücke, doch den Kreis der Rennfahrer verließ er nicht. "Ick mischte mir immer mang und sammelte Gläser ein. Dafor jabs 75 Fennje und zwee Schmalzstullen; damals waren die Leute ooch noch nobel", meint er anerkennend. Populär wurde er durch seine Bemerkungen, die er bei großen Sportveranstaltungen mit lauter Stimme zu machen pflegt.

Seine Glanzzeiten hatte er in den zwanziger Jahren im Sportpalast. "Nett, det’ste dir ooch mal sehen läßt, Paule", schrie er Paul von Hindenburg zu und "Richard, schmetta mal eenen", bat er mit unüberhörbarer Lautstärke, als er Richard Tauber unter den Gästen entdeckte. Dies war, 1929, übrigens sein schönstes Sechstagerennen. Denn Richard schmetterte. Und Krücke, weil ihm so "plümerant" war vor Rührung, gab die Zugabe: "Tauber, mein Tauber, wie lieb ick dir..."

Mit großer Treffsicherheit gab er seine Kommentare vom Rang herunter. Beim Boxkampf Prenzel gegen Milenz geschah es, daß der Prenzel nach einem Volltreffer am Boden blieb. Der--Schiedsrichter zählte: "...sechs... sieben ... acht...", da tönte es unmißverständlich bis in den letzten Winkel der Arena: "Herr Prenzel, ans Te-le-phon!"

Krücke ist ein Meister des Berliner Dialekts. Nie sagt er "Brot", er sagt "Stulle", nie "Gastwirtschaft", sondern stets "Destille", nie "Sturzhelm", sondern stets "Krachhut". Als ich seine Photoalben sehen wollte, erwiderte er: "Da müssen Se mal meener Tochta fragen, ick kann nich am Schrank ran." Seine Tochter holte aus dem "Spind" zwischen Sammeltassen und Seifenpüppchen drei dicke Alben hervor. Da waren sie: Paul Kemp, Fritzi Massary, Richard Tauber und wie sie alle hießen, und da war Otto Kermbach, der Berliner Tanzkapellmeister, dem Krücke die berühmten Pfiffe zu seinem "Sportpalastwalzer" geliefert hatte.