Seit Jahren befassen sich Experten von Schule und Wirtschaft mit der Frage, wie die Jugend mit einer Bildung ausgerüstet werden kann, um die Voraussetzungen für den Erwerb ausreichender beruflicher Kenntnisse zu schaffen. Einsichtige Vertreter der Wirtschaft betonen immer wieder, es komme nicht auf eine spezielle, sondern auf eine möglichst allgemeine Bildung an. Wie dringend nötig es ist, daß nicht mehr diskutiert wird, sondern verantwortliche Kräfte unter Verzicht auf überspitzte föderalistische Eigenheiten im Bundesgebiet und in Westberlin nach einem einheitlichen Plan vorgehen, zeigt der gegenwärtige Berufswettkampf der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft, an dem etwa 40 000 Jugendliche von 15 bis 21 Jahren freiwillig teilnehmen.

Hier handelt es sich also bereits um eine "bildungsbeflissene Elite" unter dem beruflichen Nachwuchs. Wenn aber z. B. von den etwa 2000 Westberliner Teilnehmern nur ganz wenige die Einwohnerzahl der Bundesrepublik annähernd richtig schätzen, wenn kaum jemand eine ganz allgemeine Vorstellung von der Montan-Union hatte – ganz zu schweigen von dem Sinn des Betriebsverfassungsgesetzes oder gar von literarischen Fragen, die unsere Väter und Vorväter noch im Schlaf beantworteten –, so kann man solches Versagen nur als Alarmzeichen ansehen. Eine den Gewerkschaften nahestehende Berliner Zeitung meinte überdies, auch die Ausbildung durch die Berufsschulen scheine nicht so zu sein, wie man es eigentlich erwarten müßte ...

Auf dem Gebiet des technischen Nachwuchses soll nun in der Bundesrepublik – mit vorerst noch immer sehr bescheidenen Mitteln – etwas unternommen werden, um den Vorsprung des sowjetischen Machtbereiches einzuholen. Unsere Wirtschaft braucht aber nicht nur technischen Nachwuchs (abgesehen davon, daß auch er, wenn derartige Bildungslücken bestehen, den Anforderungen nicht gerecht wird). Man möge doch, bei Vergleichen mit dem östlichen Bildungsideal, auch nicht immer auf die (angebliche) "ausschließlich fachlich-spezialistische Ausbildung" der kommunistischen Staatsjugend verweisen! Der gesellschaftspolitische rote Faden, der durch ihre gesamte Erziehung verläuft, schließt eine gewisse und im allgemeinen umfassendere Allgemeinbildung nicht aus. Mit dem Stolz auf die föderalistische Vielfalt ist hier nichts gewonnen. Der zentralistischen Lenkung des Ostens kann der Westen nur begegnen, wenn er zu einer einheitlichen Linie findet. -ser.