GK, München

Die Chronik der bayerischen Landeshauptstadt ist um ein Kuriosum reicher geworden: Der Münchener Stadtrat hat sich von einem seiner Literaturpreisträger – kaum vier Monate nach der Ehrung – öffentlich distanziert. Zwar nicht von dessen künstlerischer Leistung, wohl aber von dessen politischer Haltung.

Das enfant terrible heißt: Lion Feuchtwanger, 1884 in München geboren, 1933 nach Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit, emigriert, seit 1940 in den Vereinigten Staaten lebend.

"Es ist mir eine Herzensfreude, daß mir meine Heimatstadt nach so vielem Auf und Ab den Literaturpreis zuerkannte; daß die Wahl auf mich fiel, scheint mir ein Zeichen wachsender innerer Befriedung:" So telegraphierte Feuchtwanger nach der Preisverteilung aus Santa Monica in Kalifornien.

Das nächste Telegramm von Feuchtwanger, das im Münchener Rathaus eintraf, klang dann ganz anders: "Verständigung mit Sowjetunion der einzige Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands. Bin froh um jede Gelegenheit, dazu beitragen zu können. Habe Glückwunsch gesandt. Gruß Lion Feuchtwanger." Er bestätigte damit eine Anfrage des Münchener SPD-Kulturreferenten, der einen Dringlichkeitsantrag der CSU-Stadtratsfraktion auf seinem Schreibtisch liegen hatte: Der Stadtrat solle sich von den Glückwünschen, die Feuchtwanger den bolschewistischen Machthabern zur 40. Wiederkehr ihrer revolutionären Machtergreifung übermittelt hat, distanzieren.

Die Tatsache, daß München damals selbstverständlich nicht den Politiker, sondern den Schriftsteller Feuchtwanger geehrt hat, nun auch noch aktenkundig zu machen – das wäre weiter keines großen Aufhebens wert gewesen. Jedoch, des Dichters rote Grüße versetzten den Stadtrat in hellen Aufruhr. Und manchen unvoreingenommenen Beobachtern schien es, als wäre einer Reihe von Stadtvätern Feuchtwangers Glückwunschtelegramm an den Kreml gar nicht ungelegen gekommen. Denn als man ihm im Juli dieses Jahres den Literaturpreis verlieh, erregte die Entscheidung der Jury bereits viel Aufsehen und manchen Protest. Gewiß, Feuchtwanger ist unter den lebenden Autoren der einzige in München geborene, dessen Namen die Welt kennt. Aber unter seinen Romanen findet sich einer mit dem Titel "Erfolg", in dem er bitterböse mit seiner Heimatstadt umspringt. Das Buch, 1933 erstmals und jetzt (im Rowohlt-Verlag) neu erschienen, schildert die politischen und gesellschaftlichen Zustände in der bayerischen Hauptstadt nach dem ersten Weltkrieg. Spießbürgertum, einseitig orientierte Justiz, Korruption, der Beginn der nationalsozialistischen "Bewegung" und der bayerische "Nationalcharakter" sind die Zielscheiben dieser überaus harten Satire.

In dem Gremium, das über die Preisverteilung zu entscheiden hatte, gab es zähe Auseinandersetzungen; der BHE hatte sogar einen "Gegenkandidaten" nominiert. Daß sich dennoch eine – wiewohl knappe – Mehrheit des Stadtrats für Feuchtwanger entschied, wurde von den Münchener Zeitungen damals übereinstimmend als eine längst fällige, aber auch mutige Geste begrüßt. Natürlich aren sich schon damals die Kundigen darüber im klaren, daß mit der Ehrung des heute 73jährigen der zeit seines Lebens nach links marschiert ist aber mit der praktischen Politik nie etwas anzufangen wußte, auch ein politisches Risiko verbündet war.