Bemerkenswerte Darmstädter Aufführung

Im letzten Frühjahr, als das Bochumer Schauspielhaus von Frankreich eingeladen worden war, mit der "Dreigroschenoper" von Brecht und Weill im Pariser "Theater der Nationen" zu gastieren, gab es einige Aufregung in Deutschland. Das Bundesaußenministerium hatte den notwendigen und üblichen Zuschuß verweigert. Seinen Kritikern stellte sich Außenminister von Brentano selber im Bundestag. Durch die Begründung, Brecht habe keinen "Aussagewert", der eine amtliche Unterstützung rechtfertige, ist der Minister damals in eine seinem Ressort weit entlegene, öffentliche Debatte über Kunst verwickelt worden. In einem offenen Briefwechsel mit dem Verleger Peter Suhrkamp bekam die Kontroverse über Brechts Lyrik sogar sehr scharfe, politischpersönliche Züge.

Herr von Brentano ist als ein ebenso gründlicher wie notfalls unnachgiebiger Mann bekannt. Er geht noch jetzt einer Sache nach, in der er sich – unter Künstlern und Kunstfreunden – blamiert hat. Wenn ich recht unterrichtet bin, hat sich der Außenminister die Bochumer Inszenierung der "Dreigroschenoper" den Anlaß seines kunstpolitischen Seitensprungs, nachträglich angesehen. Jedenfalls sah ich Herrn von Brentano am vergangenen Wochenende im Darmstädter Landestheater, wo die Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" von Kurt Weill, mit dem Text von Bert Brecht, gegeben wurde.

Es wäre doch reizvoll, wenn sich der Minister nach dem Abschluß seiner Brecht-Studien noch einmal äußern würde. Es gibt ja wirklich eine durchaus schwierige Frage in diesem Brecht-Komplex: die Frage nach dem Kunstwert ideologisch bedenklicher Werke.

Bei der Wiederbegegnung mit Brecht hörte man in Darmstadt keine Proteste des Publikums, wie einst bei der Uraufführung des Werkes 1927 in Baden-Baden. Statt des damals ungeheuren Skandals klatschten die Darmstädter Landsleute des Bundesaußenministers einhellig Beifall und fühlten sich mehr amüsiert als erschreckt. Nicht anders steht es mit der "Dreigroschenoper". Deren sozialkritische Tendenz fällt heute nicht mehr ins Gewicht angesichts der theatralischen Wirkungen und der zündenden Songs.

Es könnte ja nun sein, daß nach Bochum auch die sehr bemerkenswerte Darmstädter Neuaufführung das Interesse des Auslandes fände, so daß bundesamtlicher Reisezuschuß benötigt wird. Nach welchen Gesichtspunkten würde dieser aus den kulturellen Förderungsmitteln des Außenministeriums gewährt oder versagt?

Ich bin recht gespannt auf die Ansichten eines Bundesaußenministers, der erfreulicherweise auch ins Theater geht. J. J.