Von Michael Davie

London, im November

Wenn heute ein Fremder nach England kommt, in seinem Hotel sitzt und sich nur an Hand der Tagespresse über die Wochenend-Reden und Wirtschaftsberichte orientiert, könnte er leicht den Eindruck gewinnen, Großbritannien stehe unmittelbar vor schwerwiegenden Auseinandersetzungen. Ja, er würde voraussichtlich sogar zu dem Schluß kommen, daß spätestens zu Weihnachten berittene Polizei durch die Straßen der Städte patrouillieren werde, um zu verhindern, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer übereinander herfallen.

So ist es natürlich nicht. Aber wenn jener Fremde bei dem Versuch, die Wahrheit herauszubekommen, beispielsweise mit irgendeinem Pensionär spräche, der fern der Großstadt seine Bezüge verzehrt, würde dieser ihm erklären, die Gewerkschaften wollten dem Land nur ein Lösegeld abpressen. Wendete er sich aber an einen Gewerkschaftler, einen jener militanten Leute, wie man sie Unter den Werftarbeitern findet, so würde er zu hören kriegen, eine Regierung der Arbeitgeber habe den organisierten Arbeitnehmern den Krieg erklärt, und die Gewerkschaften seien jetzt zur größten Machtprobe seit dem Generalstreik von 1936 gerüstet.

Beide Erzählungenkommen der Wahrheit nicht sehr nahe. Um sie zu verstehen, muß man sich die Hintergründe der aktuellen Situation vergegenwärtigen: die wirtschaftliche Lage Großbritanniens ist, wie der Schatzkanzler es in der vorigen Woche sagte, "prekär", einfach weil die Löhne schneller steigen als die Produktivität. Das ist gewiß nicht neu. Neu aber ist der Versuch der Regierung, die Lohn-Preis-Spirale mit konkreteren Methoden als bisher in die Gewalt zu bekommen.

Im vergangenen Jahr um die gleiche Zeit schien es schon einmal so, als habe sich die Regierung zu einer ähnlichen Entscheidung durchgerungen. Tatsächlich aber hatte sich der Premierminister damals eine Atempause erkauft, indem er nichts gegen eine neue Welle von Lohnerhöhungen unternahm und den bei der Industrie auftretenden Schwierigkeiten einfach auswich.

In diesem Jahr sieht das anders aus, weil die Regierung erkannt hat, daß sie bestimmt die nächsten Wahlen verlieren werde, wenn sie nichts gegen die Inflation unternimmt, das aber heißt, sich der Frage der Lohnerhöhungen anzunehmen.