Die schwedischen und norwegischen Blätter boten ihren Lesern in diesen Tagen eine Geschichte, die – wenn sie wahr ist – den verstorbenen König Gustaf V. in Verdacht bringt, den Nazis nicht feindlich, sondern sogar freundlich gesinnt gewesen zu sein. Ulf Brandell, außenpolitischer Redakteur der Stockholmer Zeitung Dagens Nyheter‚ hat deutsche Kriegsdokumente studiert und fußt vor allem auf einem Bericht des deutschen Gesandten in Stockholm, Hans Thomsen. Brandell schreibt: "König Gustaf V. hat bei einer Unterredung mit Thomsen gesagt: ‚Gott gebe, daß Deutschland siegt‘. Bei seinen wiederholten Besprechungen mit dem deutschen Gesandten übte der König harte Kritik an der Haltung Norwegens während der beiden Weltkriege sowie in der Zeit zwischen 1918 und 1939. Sein Urteil über das norwegische Brudervolk war keinesfalls schmeichelhaft. Zwar habe der König – so sagt Brandell – dem deutschen Gesandten zu verstehen gegeben, so dürfe man nicht mit den Norwegern umgehen, wie es unter dem deutschen Reichskommissar Terboven geschehe. Er habe dabei auf die Hinrichtungen angespielt und den Deutschen empfohlen, die Norweger freundlicher zu behandeln. Zugleich aber habe er dem Gesandten erklärt, daß es nach seiner Ansicht falsch von der norwegischen Regierung gewesen sei, sich gegen die deutsche Invasion zu wehren. Diese Äußerungen des Königs seien zu einer Zeit erfolgt, da die sechste deutsche Armee bei Stalingrad vernichtet wurde und Rommel gezwungen war, sich aus Afrika zurückzuziehen ...

Das Aufsehen, das Ulf Brandell mit seiner Polemik gegen den toten König erregt hat, wird durch den Zufall verstärkt, daß zur gleichen Zeit zwei Bücher auf den schwedischen Markt kamen, die sich mit der Invasion der deutschen Truppen beschäftigen. In seinem Buch "Für Frieden und Freiheit in der Kriegszeit", schildert der ehemalige Außenminister Norwegens, Halfdan Koht, die politisch gespannte Atmosphäre in Oslo während der ersten Apriltage 1940. Noch am 8. April, um 21 Uhr, habe das norwegische Kabinett getagt. Die Informationen über einen bevorstehenden deutschen Angriff seien zahlreich und präzis gewesen, jedoch überhaupt nicht erörtert worden. Vielmehr sei ein Protest an die Westmächte wegen der Minenlegung in norwegischen Hoheitsgewässern besprochen worden ...

Das andere Buch, das die Gemüter erregt, stammt aus der Feder des britischen Generals Sir John Kennedy, und heißt "Das Kriegsgeschäft" (The business of war). Sir John schildert darin, daß am 16. März 1940 – also drei Wochen vor der deutschen Invasion – ein britisch-französisches Expeditionsheer von 20 000 Mann von Yorkshire nach Norwegen abdampfen sollte. Aufgabe dieses Korps sollte es sein, Trondheim, Bergen und Stavanger zu besetzen und schließlich von Narvik aus entlang der Eisenerzbahn durch Schweden nach Finnland durchzustoßen, um die Finnen in ihrem Winterkrieg gegen die Sowjets zu unterstützen.

Der Autor war als Stabschef dieses Expeditionsheeres vorgesehen und schreibt, daß Churchill bereits kurz nach Kriegsausbruch eine Verminung der norwegischen Gewässer forderte: "In einer Kriegsratssitzung im Februar 1940 in Paris wurde der Plan gefaßt, Norwegen und Schweden für die Landung eines Expeditionskorps zu gewinnen. Am 16. März sollte das Unternehmen starten. Außerdem sollten die beiden Länder bewogen werden, von sich aus um die Landung weiterer vier Divisonen in Südskandinavien zu bitten für den Fall, daß die Deutschen Gegenmaßnahmen treffen sollten ..". Am 12. März rief Premierminister Chamberlain die General-Stabsoffiziere zu einem Kabinettstreffen zusammen. Als der Plan vorgetragen wurde, zeigte sich Chamberlain sehr erschreckt. Lord Halifax hörte ernst und schweigend zu. In den Instruktionen zu diesem Unternehmen hieß es, es sei die Absicht, die Invasion unter der Voraussetzung zu beginnen, daß es zu keinen schweren Kämpfen mit den Norwegern und Schweden komme. Eine Feuereröffnung gegen die Schweden und Norweger sei nur als letzter Ausweg in Betracht zu ziehen. Von den schwedischen Festungskommandanten sollte freie Passage nach Finnland gefordert werden. Als Chamberlain fragte, was denn geschehen solle, wenn die Expeditionsarmee auf heftigen Widerstand stoßen sollte, erwiderte Mackesy, daß er dann das ganze Unternehmen abblasen würde. Lord Halifax unterbrach die Ausführungen des Generals mit den Worten: "Wenn wir in Norwegen nicht landen können, ohne daß viele Norweger geopfert werden müssen, so bin ich ganz und gar dagegen."

Am 13. März waren alle Diskussionen über das "Unternehmen Avenmouth" gegenstandslos geworden. An diesem Tag wurde bekannt, daß Finnland einen Separatfrieden mit der Sowjetunion schließen wolle. Vier Wochen später marschierten fremde Soldaten durch die Straßen Trondheims und Narviks. Nur daß es diesmal deutsche Soldaten waren und nicht britische. G.G.