Von Werner Helwig

Auf Empfängen des französischen diplomatischen Corps sieht man unter den Geladenen häufig einen drahtigen älteren Herrn, der sich elegant und in straffer Haltung an der allgemeinen Konversation beteiligt. Er ist Botschafter a. D. des Quai d’Orsay, wie man beiläufig erfährt, und einer der größten unter den lebenden Poeten Frankreichs: Alexis Saint-Leger Léger, geboren am 31. Mai 1887 auf Guadeloupe. Er war Aktivist in der französischen Résistance, verstoßen von Pétain und verfolgt von der Gestapo, die die Verschleppung oder Vernichtung von mehreren seiner Werkmanuskripte auf dem Gewissen hat, welche nun in seinem Oeuvre fehlen. Sein Pseudonym, das er in Berücksichtigung seiner exponierten diplomatischen Stellung annahm, klingt vielleicht etwas pathetisch, ist aber dem verständlich, der ihn als eine stilistisch gleichstrebende Erscheinung neben oder gar vor Paul Claudel zu placieren gelernt hat: Saint-John Perse. Man hat oft versucht, die Beziehungswelten des Dichters in diesem Namen zusammengefaßt zu sehen: Geheiligtes Frankreich, dem Patrioten teuer, britische Weltmachtstimmung, durch die Sicht eines Kipling – den er schätzt – oder eines Joseph Conrad – den er kannte und hoch verehrt – gefiltert, Latinität. durch den römischen Dichter Persius und zugleich vielleicht, mit Joycescher Vieldeutigkeit, auf Persien mitbezogen. Er selbst aber behauptet, daß sich ihm der Name im Spiel des Moments eingegeben habe.

Dieser Mann, unauffällig, unromantisch, mit klein zusammengekniffenen Augen, raschen nervigen Bewegungen und einer Handschrift von druckbuchstabenhafter Deutlichkeit, verstand es, einen ganzen Hof von literarischen Würdenträgern der letzten Dezennien um seine feierliche Hymnik zu versammeln. Jammes und Larbaud begleiteten seine Anfänge mit ihrem Applaus Caillois und Macleish folgten. Paul Claudel zögerte nicht, seine Bewunderung zu bekennen, obschon er beklagte, daß er nie das Wort "Gott" in diesen Dichtungen fände. Hofmannsthal entdeckte ihn mit ernstem Bemühen für den deutschsprachigen Raum. Walter Benjamin und Rudolf Kassner übertrugen ihn. T. S. Eliot übertrug ihn und mühte sich mit einem heute noch gültigen Essay um das Verständnis. Rilke drückte seine Ergriffenheit durch ein Gedicht aus. Ins Italienische übertrug ihn Ungaretti, und Giorgio de Chirico ließ sich von seinem Werk zu schönen Zeichnungen inspirieren. Vieles davon findet man auch in der jetzt deutsch erschienenen Ausgabe:

Saint-John Perse: "Dichtungen." Deutsch und Französisch, herausgegeben und übersetzt von Friedhelm Kemp. Hermann Luchterhand Verlag, Berlin; 464 S., 26,– DM.

Dieser Mann sieht nun nicht nur so aus wie ein Reiter oder Jäger, Seemann oder Forschungsreisender, sondern er ist dies alles. Als Reiter übt er jene notwendige pflegsame Strenge, die dem Pferd allein bekömmlich ist, als Jäger sorgt er dafür, daß die Flucht- und Verteidigungsmöglichkeiten des jagdbaren Wildes dem Waffenaufwand des Jägers nicht unterlegen sind, und als Seekundiger gewinnt er mit gleichsam intellektueller Listigkeit dem Gegenwind die eigene beabsichtigte Richtung ab. Als Forschungsreisender aber – und in diplomatischen Diensten oft – wird sein Scharfblick zum Agens seiner Beobachtungen und Wertungen. All diese Fähigkeiten treten in seiner umfangreichen Prosah’ymnik spürbar hervor. Es hätten das ganz normale brauchbare Berichte werden können,doch der mitgeborene Genius wollte es anders. Wenn Perse bekennt, daß ihn beim Studium des französischen Code Civil in seinen Studentenjahren einzig die "Theorie der Verschollenheit" interessiert habe, dann haben wir damit eine Art Schlüssel zur Hand, durch den zu erschließen wäre, in welchem Sinne sich ethnologische Erfahrungen bei ihm zu den barocken Gebilden einer reich assoziierenden Lyrik wandeln konnten. Die Stimmung der Verschollenheit ist nämlich das "hörbarste" Merkmal seiner Produktion.

Dem eigentlich Unaussprechlichen eine Folie zu geben, ist zweifellos die Absicht dieser seltsamsten aller Zumutungen, die je ein Autor seinen Lesern aufdrang. Zumutung deswegen, weil wir angesichts der zwingenden Dichtheit und Einheitlichkeit des Perseschen Gesamtwerkes außerstande sind, den Vorwurf der Absonderlichkeit um jeden Preis zu erheben. Auch jener berühmt gewordene Rat Carl Sternheims an einen Poeten: "Streichen Sie die Adjektive" träfe hier daneben. Unbegreifliche Gestalt-Skelette blieben übrig, so sehr ist Dichtung auf das erläuternde Adjektiv angewiesen.

Lassen wir uns also auf einen Streifzug durch diese Dichtung ein und nehmen wir dafür die schöne Gewißheit in Kauf, von ihr gewandelt entlassen zu werden mit einem immerwährenden Nachgeschmack herrlich durchzechter Feiern. Verschollener Feiern, wohlgemerkt, aber solcher, die verspüren ließen, wie wundervoll es ist, zu leben.