Als Thornton Wilders "Alkestiade" in Zürich zum ersten Male in deutscher Sprache aufgeführt wurde, brachten wir in der ZEIT Nr. 29 eine Besprechung von Curt Riess. Riess war damals von der Zürcher Aufführung offensichtlich nicht sonderlich beeindruckt. Dann hat uns Wilders Frankfurter Rede Anlaß zu einigen Fragen gegeben, die jetzt auch von T. S. Eliot aufgegriffen wurden. Immer aber ging es uns um eine Sache, nie um (oder gegen) eine Person. Daher haben wir auch unseren Wiener Korrespondenten gebeten, uns jetzt über seine Eindrücke von der Wiener Aufführung der Alkestiade zu berichten.

Wien, Anfang November

Im Wiener Burgtheater verbietet ein altes Hausgesetz den Schauspielern, sich vor dem Vorhang für den Applaus zu bedanken. Nur dem Vorhang und Dichter dürfen sich verbeugen. Als dieser Tage Thornton Wilder nach der Premiere seiner "Alkestiade" immer wieder an die Rampe gerufen wurde, sagte er, bewegt von dem lebhaften Applaus, der ihm entgegenscholl, er habe als Junge zuweilen dieses Haus betreten und es sich damals nicht träumen lassen, daß er hier einmal zu Wort kommen würde.

Allerdings: auch wir Zuschauer hätten uns von Wilder gerade dieses Stück nicht träumen lassen, das so völlig auf Formexperimente verzichtet, sich auf der Linie der antik-abendländischen Tragödie bewegt, mit einem Wort: in seiner traditionsgebundenen Dramaturgie ein echtes Burgtheaterstück ist. So könnte man fast meinen, der nach exotischen Vorbildern ausspähende amerikanische Dichter habe, nachdem er mit chinesischen Modellen und mittelalterlichen Mysterienspielen experimentiert, auch einmal unsere klassische Tragödie in seinen Versuchsbereich einbeziehen wollen.

Dabei gelang freilich ein großer Wurf. Das euripideische Vorbild wird mit einem Male in metaphysische Bezüge gestellt, der Christ Wilder durchleutet die Antike gleichsam mit Röntgenstrahlen. Daß Alkestis ihrem Gatten Admet zuliebe den Tod auf sich nimmt, dann aber von Herakles aus dem Hades zurückgeholt wird: an dieser Fabel interessiert Wilder vor allem die Brücke, die da zwischen Leben und Tod aufgetan wird. "Ein erster dünner Strahl fiel dorthin, wohin nie zuvor ein Licht drang", sagt Apoll in seinem Disput mit dem Tod.

Wie auf der Barockbühne gibt es neben einer irdischen noch eine über- und eine unterirdische Dimension. Der Mensch wird von den Göttern geliebt und damit dem Tode entrissen: ein faustischer Handel. Stellen die beiden ersten Akte eine geistige und dialektische Überhöhung des Euripides dar, so ist der dritte völlig aus Wilders Besitz. Nach zwölf Jahren haben die Barbaren die Königsburg besetzt, Admet getötet, Alkestis zur "niedrigsten der Mägde" degradiert. Seuchen plagen die Stadt und wollen die Menschen darauf hinweisen, daß hier der Lichtgott sein Wunder gewirkt hat.

Vor ihnen resigniert schließlich der fremde Tyrann und läßt sich von Alkestis, ehe er geht, das Geheimnis entschlüsseln, das sie in der Welt der Schatten erfahren hat: "Die letzte Bitternis des Todes ist, daß das eigene Leben keinen Sinn hatte. Liebe ist nicht der Sinn. Sie ist nur eines der Anzeichen dafür, daß das Leben einen Sinn hat."