Von Johannes jacobi

Drei Krisen hat es seit Kriegsende im deutschen Theaterleben gegeben. Das erste Mal streikten die Zuschauer. Das zweite Mal revoltierten Intendanten gegen ihre Aufsichtsbehörden. Jetzt droht eine Krise der Ensembles durch prominente Schauspieler, aber auch berühmte Sänger und Stardirigenten, die kommen und gehen, wann sie wollen. Sie machen aus dem Spielplan ein Vabanque-Spiel.

Manchmal kann der Zuschauer den Verdacht nicht loswerden, Bühnenkünstler faßten das mit Steuergeldern unterhaltene Theater auf als Institution eines Wohlfahrtsstaates, die den Komödianten ein Existenzminimum zu garantieren habe. Je mehr einer kann, desto verbissener verteidigt er nicht nur seinen Preis – das wäre recht und billig – desto eifriger sichert er sich aber auch sein Recht auf – Abwesenheit.

Um diesem Drang zur Ubiquität, die überall sein will, nur nicht "zu Hause", um diesem Drang durch Verträge Einhalt zu gebieten, wählen Städte neuerdings zu "Generalmusikdirektoren", Dirigenten, die noch keine dreißig Jahre alt sind.

Ist einer schon vierunddreißig, wie der begabte Wolfgang Sawallisch in Aachen, dann kann ihn nicht einmal die Städtische Oper in Berlin mehr binden. Sawallisch beanspruchte bei Vertragsverhandlungen zwar Rechte, die den kunst- und welterfahrenen Intendanten Professor Ebert zum Untergebenen seines ersten Dirigenten gemacht hätten; als dann aber zusammengerechnet wurde, wann der solche Allmacht verlangende Chefdirigent im Hause anwesend zu sein versprach, da kamen zwei, höchstens drei Monate im Jahr heraus. Berlin entband Sawallisch von seinem Vorvertrag und gab ihm den Laufpaß in die Gastierfreiheit.

Unter solchen Umständen wirkt es erfrischend, wenn von Zeit zu Zeit einem der Verantwortlichen der Geduldsfaden reißt. Gustaf Gründgens zum Beispiel protestierte seinerzeit durch seinen Rücktrittals Generalintendant der Städtischen Bühnen in Düsseldorf gegen eine Verwaltungsform, die das Theater einengt in Behördenfesseln.

Es gab damals eine gewaltige Aufregung. Landauf, landab fragte man sich: Soll nun jedes Stadt- oder Staatstheater, in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden, wie Gründgens sie nach Hilperts Göttinger Modell für das neue Düsseldorfer Schauspielhaus durchgesetzt hat?