Berlin, im November

Berlin führte die ersten Sommerkollektionen vor. Während die Damen im Publikum die neuen Röhrenkleider kühn zur Schau tragen und selbst in den großen Warenhäusern die Kundinnen beherzt und zahlreicher, als die Skeptiker voraussagten, zu den ungewohnten Sackmodellen greifen – vorerst in immerhin noch leicht modellierenden Strickkleidern und vorsichtshalber mit mitgelieferten Gürteln versehen – währenddessen ist die neue Linie zum bestimmenden Element der Frühjahrs- und Sommermode geworden.

Natürlich führt jede Kollektion auch Modelle im konventionellen Schnitt mit; das Chemisierkleid, klassisch mit Dreiviertelärmel und hochgeschlossen, ärmellos oder mit leicht gerundetem Dekolleté, behauptet unangefochten von modischen Varianten noch immer seinen Platz. Aber es ist doch schon deutlich an die Peripherie gerückt. Und noch ist das reine Röhrenkleid, als "abstrakte Architektur", überall nur in wenigen Modellen vertreten, die kaum je ein Dutzend von 150 bis 200 Nummern pro Kollektion erreichen. Aber die Tendenz ist überall vorhanden, die Tendenz zur luftig weiten Silhouette, die sich knapp unterhalb des Knies wieder elegant verjüngt.

Wo die neue Linie noch nicht radikal das Feld beherrscht, werden ihre Vorläufer in Richtung auf den "Sack" hin ausgebaut. Blouson-Rücken und tiefsitzende Gürtel an Kostümjacken wirken jetzt, in der dritten Saison nach ihrer Wiederentdeckung, schon fast konservativ, obschon die Rücken noch blusiger geworden sind und die Gürtel oder Knopfblenden noch salopper sitzen. Nicht-alle Häuser sind so radikal wie Schröder & Eggeringhaus, bei denen die taillierte Jacke endgültig verdrängt und verschwunden ist. Doch die tiefgezogenen Rückenlinien und die Jumperform der Deux-pièces, kurzum, die fließende, die Taille nicht markierende Silhouette ist bereits ein so vertrauter Anblick geworden, daß jene wenigen Kostüme oder Kleider, die die Taille eng umschließen und den Gürtel wieder an seinen naturgegebenen Platz rücken, seltsam kurztaillig und, gemessen an der großzügigen Linienführung der Saison, ein wenig ärmlich wirken.

Es macht den Modeschöpfern sichtliches Vergnügen, mit den Möglichkeiten der neuen Linie zu spielen. Um den Reiz der Spindelform zu erhöhen, werden die Rücken mit verschwenderischer Weite bedacht, namentlich bei den Mänteln, die mitunter zusätzlich mit hohen Klappkragen versehen werden. Lindenstaedt & Brettschneider blähen die Spindel sogar zur "Mongolfiere" auf, wie eins ihrer Modelle folgerichtig heißt, zum Ballon, der die Hüfte üppig umspielt und unterhalb des Knies in einer Knopfblende kühn zusammengerafft wird. Oder es wird zum anderen Extrem hin radikalisiert: Die Rückenlinie fällt schnurgerade wie am Senkblei orientiert, während sich über die Vorderseite eine gerade fallende Kostümjacke knöpft, reizvolle und tragbare Version des falschen Deux-pièces.

Bei Schröder & Eggeringhaus sind die Sackmodelle mit aristokratischer Strenge entworfen, ohne Unterbrechung der Linie oder mit halben Gürteln, die vorn geschlungen sind. In dieser hervorragend durchkomponierten, von dekorativem Ballast befreiten Kollektion ist das Ensemble Favorit. Unifarbene Sackkleider von bestechender Eleganz werden mit kräftig gemusterten Jacken oder Mänteln kombiniert, bei denen Karo- oder Streifenmuster dominieren.

Tupfen, Streifen und Karos bestimmen die gemusterten Stoffe für das Frühjahr und den Vorsommer, während auf den Hochsommerstoffen noch immer Blumen auf den Cotton- und Seiden-Imprimés wuchern. Die Rose, in möglichst großen Blüten oder Ranken, gehört zur Lieblingsflora.

Die fließenden, wehenden Stoffbahnen, die die vorjährige Sommermode mit so großer Leidenschaft entdeckte, werden von den Berliner Modehäusern auch für 1958 an den hochsommerlichen Chiffonkleidern angebracht. Sie wehen als lose Schützenreihe um die schmalen Röcke, legen sich, in der Taille befestigt, kokett als Stolen um die bloßen Schultern, oder bauschen sich wie Segel im Rücken, wo sie in voller Breite nur an Schulter und Rocksaum befestigt sind. Wer diesen wehenden "doppelten" Rücken scheut, kann die breite Stoffbahn in Taillenhöhe mit einem rückwärtigen Gürtel abbinden; doch die mutigeren Damen werden mit entfesseltem Chiffonsegel dekorativ über die Gartenterrassen nächtlicher Sommerfeste wehen. Sabina Lietzmann