Den Saarländern kann es nicht verübelt werden, daß sie die Beendigung der wirtschaftlichen Übergangszeit mit Ungeduld herbeiwünschen. Sie erleben gegenwärtig eine handfeste Inflation, die zwar die Räder der heimischen Wirtschaft auf wollen Touren laufen läßt, der Masse der Verbraucher und Sparer aber fühlbare Substanzverluste zufügt. Die Bindung an den französischen Franc hat der Saarbevölkerung bereits in der Vergangenheit erhebliche Nachteile gebracht, als die Lebenshaltungskosten in der Zeit von 1948 bis 1952 im Saarland sich um nicht weniger als 60 v. H. verteuerten. Nach einer Periode verhältnismäßig stabiler Preise setzte 1956 ein erneuter Preisauftrieb ein, der durch die verschiedenen Handels- und Währungsmaßnahmen Frankreichs in diesem Jahr noch verstärkt wurde und in seiner weiteren Folge nicht abzusehen ist.

Die Entwicklung der französischen Währung hat in weiten Kreisen der Saarbevölkerung eine permanente Vertrauenskrise ausgelöst: Die Geldabhebungen erreichten ein bedrohliches Maß. Die Saarländer flüchten vornehmlich in Deutsche Mark, Gold, Wertpapiere und langlebige Verbrauchsgüter. Die Lage auf dem heimischen Kapitalmarkt ist derart kritisch, daß es bei einem anhaltendem Rückgang der Spartätigkeit zu Kreditkündigungen kommen könnte. Neue mittel- und langfristige Darlehen werden gegenwärtig von den saarländischen Banken abgelehnt. Die Banken und Sparkassen empfehlen als Ausweg aus diesem Dilemma eine unverzügliche Sicherung wenigstens des Sparkapitals in Form einer vom Bund zu leistenden Währungsgarantie. Die Alternative lautet demnach an der Saar nicht Abkürzung der wirtschaftlichen Übergangszeit oder Währungsgarantie, sondern – sehen wir einmal von der weiterverarbeitenden Industrie, die nach wie vor an einem vollen Auslaufen der Übergangsfrist festhält, ab – vorzeitige Rückgliederung und Währungssicherung.

Die Kosten der Lebenshaltung haben sich im Oktober gegenüber der vergleichbaren Zeit des Vorjahres um rund 11 v. H. verteuert. Am stärksten war der Preisdruck bei Heizung und Beleuchtung (23 v. H.), sowie Wohnung (14,4) und Ernährung (12,3 v. H.). Nun hat der Preisauftrieb auch die Verbrauchsgüter und Dienstleistungen erfaßt. Die Preisentwicklung wird durch die Auswirkungen der teilweise recht schlechten Ernte noch verstärkt. Ferner blieben im Zusammenhang mit der derzeitigen Situation in Frankreich die in früheren Jahren üblichen Importe aus, die auf das Preisniveau hätten dämpfend einwirken können. Damit hat der Franc in den letzten acht Jahren – gemessen an der Lebenshaltung – rund zwei Drittel seiner Kaufkraft verloren. Im Bereiche der Baukosten fällt die Entwertung noch etwas kräftiger aus.

Die Ausdehnung der Francabwertung auf die Rohstoffimporte und die damit verbundene Kostenverteuerung in weiten Bereichen der Wirtschaft dürfte zu weiteren Preissteigerungen führen. Hinzu kommt, daß die Saarbergwerke in Anlehnung an die Preisgestaltung in den übrigen Kohlerevieren ihre Erzeugnisse dieser Tage um durchschnittlich 11 v. H. erhöht haben und auch der Preis für Saarstahl empfindlich in die Höhe gehen wird. Für Hüttenkoks zahlt man jetzt sogar 13 v. H. mehr als bisher. Schließlich haben in den wichtigsten Wirtschaftsbereichen die Löhne und Gehälter beträchtlich angezogen, und die Gewerkschaften warten mit weiteren Einkommensforderungen auf. All diese Kostenverteuerungen werden letzten Endes auf den Verbraucher abgewälzt. Von der Neu-Abwertung sind insbesondere die weiterverarbeitenden Zweige betroffen. Für sie werden nunmehr die bisher von der Verteurung durch die Abwertung ausgenommenen Importe aus dem Devisenausland ebenfalls um 20 v. H. teuerer, während andererseits ihre Exporte bereits seit der Teilabwertung vom 10. August dieses Jahres an zum Kurs von 1 DM = 100 ffrs. verrechnet wurden. Demgegenüber werden ab sofort auch die Exporte von Montangütern, Textilien und Energie über den neuen (günstigeren) Kurs durchgeführt. Das ergibt für die Saar, deren Exporte vornehmlich von den Gruben und Hütten getragen werden auch in Anbetracht der gleichzeitig verteuerten Einsatzstoffe alles in allem eine annehmbare Erlössteigerung. Den Saargruben werden die künftighin höheren Erträge, besonders aus den Lieferungen nach Süddeutschland, angesichts ihrer Finanzmisere willkommen sein.

Das Saarland exportiert jährlich Waren im Werte von rund 100 Mrd. ffrs. Davon entfallen rund 80 v. H. auf Kohle, Stahl und Energie. Das Ausland liefert umgekehrt für etwa 55 Mrd. ffrs. Güter und Energie nach der Saar. Da Kohle, Stahl, Energie und Textilien bisher zum alten Wechselkurs ausgetauscht werden mußten, wobei die saarländischen Exporte sechsmal höher waren als die Importe, war die Saar von der ersten Francabwertung im Vergleich zur französischen Wirtschaft, für die eine andere Relation gilt, weit stärker betroffen: Die Saarländer zahlten auf Grund ihrer verhältnismäßig hohen Importe an Nichtmontangüter einen höheren Beitrag in den französischen Stabilisierungsfonds ein, als sie infolge der niedrigen Exporte aus diesem zurückerhielten. W. G.