Ww—h, Nürnberg enn wir recht unterrichtet sind, so ist die Deutsche Bundesrepublik Mitglied der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und auch sonst an allen wichtigen Bestrebungen zum Zusammenschluß und zur solidarischen Neuordnung unseres erschütterten, Kontinents beteiligt. Es ist bisher keine Rede davon gewesen, daß irgendein Territorium des Bundesgebiets davon ausgeschlossen sein sollte. Jetzt aber wurde zwar die Bundesrepublik zur Teilnahme an der kommenden Brüsseler Weltausstellung eingeladen, zugleich jedoch als unerwünscht bezeichnet, daß die Stadt Nürnberg dabei mit vertreten wäre. Wie es hieß: aus "außenpolitischen Gründen".

Es ist bisher nicht ganz klar geworden, ob diese Ausladung tatsächlich auf internationale Winke oder lediglich auf eine nervöse Überängstlichkeit def verantwortlichen deutschen Stellen zurückzuführen ist. Jedenfalls haben sich inzwischen Bundespräsident und Bundeskanzler sehr deutlich gegen solche Diffamierung einer deutschen Stadt geäußert.

Was gedachte Nürnberg, die seinerzeitige "Stadt der Reichsparteitage" und Geburtsstätte der "Nürnberger Gesetze" (was konnte Nürnberg für diese Gesetze?) m Brüssel zu zeigen? Nicht mehr und nicht weniger, als daß die Stadt aus schwerer Zerstörung als verjüngtes Gemeinwesen wieder auferstanden ist. Was sollte also die beleidigende Zurückweisung? Wenn es Nürnberg nicht gestattet sein kann, teilzunehmen, dann müßte doch auch München ausgeschlossen werden, das einmal ungefragt als "Hauptstadt der Bewegung" tituliert wurde. Oder Berlin, das schließlich Hitlers Regierungszentrum gewesen ist. Oder Braunschweig, das dem Nazijührer durch Ernennung zum Regierungsrat überhaupt erst die deutsche Staatsangehörigkeit verschaffte. Wieso befahren dann tagtäglich ausländische Last- und Personenwagen kreuz und quer die "Straßen des Führers", die Autobahnen, denen Hitlers ganzer Fanatismus gehörte? Wieso strömen Tausende aus aller Welt nach Bayreuth, um dort die "Meistersinger von Nürnberg" zu hören und zu sehen, jenes Werk, bei welchem sich Hitler erst seinen Nürnberg Fimmel geholt hat? Es istmüßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Hier ist wieder einmal der irrationale Hintergrund reaktionärer Instinkt p olitik sichtbar geworden: das Panorama jener überscharf konturierten Bilder, die sich als bleibende Eindrücke vergangener Geschehnisse und Taten dem Gedächtnis eingeprägt haben und jederzeit die darum herumgewachsene Hülle neuer Erfahrungen durchbrechen können, wenn irgendein Motiv dazu herausfordert. Welches Motiv das in diesem Falle gewesen sein mag? Gleichviel. Für unseren europäischen Zukunftsglauben wäre es gewiß bekömmlicher gewesen, die Urheber dieser schlecht gezielten Pointe hätten sie sich und uns geschenkt.