Von Felix Morley

Washington, im November

Genau ein Jahr nach dem eindrucksvollen Wahlsieg Eisenhowers, der ihn für eine zweite Amtsperiode ins Weiße Haus brachte, hat jetzt das amerikanische Volk ein Urteil über seinen Präsident gefällt, das weder Eisenhower noch seine – tiefgespaltene – Republikanische Partei besonders glücklich stimmen kann.

Der offene und ehrliche Kommentar, den das Weiße Haus zum Ausgang der Wahlen vom 5. November gab, wird dem Ergebnis völlig gerecht. Es heißt darin: "Keine Frage besteht darüber, daß die Kandidaten der Republikanischen Partei einen harten Kampf führen müssen, wenn sie die Kongreß wählen des Jahres 1958 gewinnen wollen."

Nach der amerikanischen Verfassung ist fester Wahltag in den Vereinigten Staaten jeweils der erste Dienstag nach dem ersten Montag im November. Alle zwei Jahre werden das gesamte Abgeordnetenhaus und ein Drittel des Senats neu gewählt, während die Präsidentschaftswahlen nur alle vier Jahre stattfinden. In den "ungeraden" Jahren zwischen diesen großen Wahlen geben die amerikanischen Bürger ihre Stimmen ab für eine ganze Reihe von Gouverneuren und Bürgermeistern, sowie für die Abgeordneten einer Anzahl von Parlamenten der Einzelstaaten. Diese örtlichen Wahlen werden von den politischen Analytikern immer sehr genau darauf untersucht, ob sich in ihnen womöglich ein allgemeiner, für die ganze Nation gültiger Trend abzeichnet.

In diesem Jahr ist das Interesse an den Lokalwahlen besonders groß, denn die Öffentlichkeit hat während der vergangenen Wochen und Monate auf vier verschiedene Entwicklungen sehr deutlich reagiert. Erstens ist das Gefühl einer – mit echter Furcht verbundenen – Erniedrigung im Volke weiterverbreitet, seit die verblüffenden sowjetischen Erfolge mit Fernraketen bekannt wurden:

Zweitens wird die Stimmung in allen Südstaaten immer noch von einem tiefen Groll darüber beherrscht, daß der Präsident Bundestruppen schickte, um in Little Rock, der Hauptstadt von Arkansas, die Rassenintegration mit Gewalt zu erzwingen. Drittens müßte man auf das allgemeine Unbehagen hinweisen, das durch die fortwährend steigenden Lebenskosten hervorgerufen wird. Seit der Wiederwahl Eisenhowers beträgt dieser Anstieg immerhin knapp 4 v. H. Viertens betrachtet man besorgt eine Reihe von Anzeichen, die auf einen wirtschaftlichen Rückgang hinzudeuten scheinen – trotz der weiter anhaltenden Inflation und trotz der gewaltigen Verteidigungsausgaben, die gegenwärtig die geradezu phantastische Höhe von 100 Millionen Dollar je Tag erreicht haben.