Vor einigen Tagen schrieb mir eine Frau: "Sorgfältige Marktanalysen haben ergeben, daß es auch für die Männer zu einer sozialen Notwendigkeit werden wird, sich in gesteigertem. Maße zu pflegen." Ich war zunächst betroffen: Sollten lange Haare, ein leicht asymmetrischer Schnurrbart und ein paar frische Rasierwunden – ich bin noch nicht elektrifiziert – den sozialen Aufstieg eines freien Journalisten ernstlich gefährden?

Aber die Briefschreiberin, Frau Elizabeth Arden, Kosmetik GmbH, kennt mich zum Glück überhaupt nicht. Sie schreiben, verehrte Frau Arden, daß schon Diogenes besonders kostbares Parfüm für seine Füße benutzt und daß er dafür auch eine vernünftige Erklärung gegeben habe: "Wenn du deinen Kopf mit Wohlgerüchen einreibst, so entfliehen sie in die Lüfte, und nur die Vögel haben den Genuß davon. Ich salbe darum meine Füße. Der Geruch hüllt meinen ganzen Körper ein und steigt gedankenvoll in meine Nase." Nun, ich will ja nichts gegen saubere Füße sagen; aber ich frage Sie, Frau Arden, wer war schon dieser Diogenes? Wenn man dem Konversationslexikon vertrauen darf, hat er noch nicht einmal den Lehrsatz des Pythagoras erfunden. Im Sinne der Marktanalytiker ist Diogenes ein glatter Versager. Wer in einer Tonne lebt und keiner geregelten Berufstätigkeit nachgeht, hat der überhaupt ein Recht, sich die Füße zu parfümieren?

Vielleicht verlangten das die Hetären zur Zeit des Diogenes noch, aber heute – so scheint mir – nehmen die Frauen eher einen ungepflegten Mann in einem gepflegten Wagen in Kauf als umgekehrt. Eine kostenlose Flasche Arden-Gesichtswasser soll mich reizen? Wenn Sie mir schon "kostenlos und unverbindlich" eine Probeflasche anbieten, so bitte ich um etwas Autopolitur.

In Amerika benutzen vierzig Prozent aller Männer geruchbindende Mittel, schreiben Sie. Na schön; ich nehme dafür einen leichten Mosel.

Was aber soll ich tun, wenn mir meine Frau tatsächlich eines Ihrer Kosmetik-Sortimente zu Weihnachten schenkt? Ich werde mir die Füße parfümieren wie Diogenes. Aber werde ich danach noch als anspruchslos und bescheiden gelten wie er?

Heinrich David