Bewährungsstunde der MRP?

Von Armin Mohler

Paris, im November

Dem neuen französischen Ministerpräsident Felix Gaillard steht bei seinem Start ein Kredit an Sympathie im Inland wie im Ausland zur Verfügung, wie ihn kaum einer seiner Vorgänger seit Kriegsende aufzuweisen hatte. Das ist durchaus verständlich. Auch wenn der Achtundreißigjährige nicht der jüngste Regierungschef der Republik wäre, könnte er allein schon als "neuer Mann" auf diese Sympathien rechnen: Gaillard gehört nicht zu dem Dutzend Männern mittleren und älteren Jahrgangs, die seit dem Abgang de Gaulles den Ministerpräsidentensessel unter sich hin und her schieben.

Alte Hoffnung auf neue Jugend

Hinzu kommt allerdings noch Gaillards ganz persönlicher Charme. Sein Vorgänger Bourges Maunoury gehörte jenem "Syndikat der Ministerpräsidenten" auch nicht an, aber man hatte bei ihm den Eindruck, daß ihn sein Amt bedrücke. Gaillard jedoch hat auch angesichts der leeren Staatskasse sein Jungenslächeln nicht verloren. Er repräsentiert noch einmal die Jeunesse dorée des glanzvollen alten Bürgertums – auch wenn die Nelke im Knopfloch bei gleichbleibender diskreter Eleganz längst durch den Tennisschläger unter dem Arm ersetzt worden ist. So paradox es klingen mag: dieser jugendlichste aller Regierungschefs seit Napoleon ist für einen erheblichen Teil seiner Landsleute die lebendige Gewähr dafür, daß es mit dem "alten Frankreich", das einst Mittelpunkt Europas war, noch nicht zu Ende ist.

Wenn man vor späteren Überraschungen gefeit sein will, tut man gut, sich die Doppelgesichtigkeit des "Mythos Gaillard" vor Augen zu halten. Während im Ausland Gaillards Jugendlichkeit Hoffnungen auf einen revolutionierenden Methodenwechsel in der französischen Politik zu wecken scheint, wird im Inland sein Aufstieg eher die Verfechter des status quo bestärken. Die Versicherung des neuen Ministerpräsidenten, er wolle eine "Regierung der Verteidigung der Republik" bilden, ist auf jeden Fall nicht nur als Absage an jeden extremistischen Antiparlamentarismus, sondern auch als Absage an jede radikale Strukturreform aufgefaßt worden.