Von Walter F. Kleffel

Zu Anfang der zwanziger Jahre lernten wir in Berlin einen Iren als Vertreter der provisorischen Regierung seines Landes kennen. Er imponierte uns insofern, als er viele seiner Landsleute als Freiheitskämpfer vor englischen Gerichten mutig verteidigt hatte. Nach 1933 kehrte er, diesmal als offizieller Vertreter der irischen Republik, in die Reichshauptstadt zurück und schloß besonders mit Hermann Göring Freundschaft. Eine Entgleisung, scheint uns, die einem Iren anzukreiden nicht unsere Sache ist. Jetzt aber – und das ist sehr wohl unsere Sache – hat er ein Buch darüber geschrieben:

Charles Bewley: "Hermann Göring." Göttinger Verlagsanstalt, Göttingen. 346 S., 15,60 DM.

Bewley schildert uns Göring als einen aufrechten Patrioten, der eigentlich nichts weiter gewollt hat, als mit der "parlamentarischen Unordnung" der Weimarer Republik aufzuräumen, und der auf seinen vielen Posten im Dritten Reich auch nur ausgeharrt hat, um "Schlimmeres zu verhüten". Angeblich hat auch der Reichsmarschall von den Greueln in den Konzentrationslagern und vielen anderen Ungeheuerlichkeiten erst in Nürnberg vor dem Internationalen Militärtribunal erfahren. Angeblich ist auch er schon "immer dagegen" und beileibe niemals ein Nutznießer des tausendjährigen Reiches gewesen.

Spricht hier Frechheit oder Dummheit? Denn das müßte ja inzwischen auch einem Iren klar geworden sein, daß Göring nicht besser als andere gewesen ist. Er entstammte einer ehrbaren Familie, war im Kadettenkorps und in seinem Regiment in altpreußischem Sinne erzogen worden, vermochte sehr wohl Recht von Unrecht zu unterscheiden – und führte sich doch so urpreußisch wie nur denkbar auf.

Man darf sich nicht durch den Göring in Nürnberg täuschen lassen. Dort mußte er im Ende eine Rolle spielen, die ihm eigentlich gar nicht lag. Seine Mitverschworenen und Mitangeklagten brachten nicht den Mut auf, für ihre Taten und Versäumnisse einzustehen. Sie schoben alle Schuld allein auf den toten Hitler – was natürlich das Einfachste und Billigste war. Dieses schäbige Schauspiel wollte Göring dem Tribunal nun doch nicht. bieten und übernahm schließlich auch die Verantwortung für Dinge, mit denen er kaum etwas zu tun gehabt hatte. In Nürnberg war es freilich ein bißchen spät...

Am Schluß des Buches von Bewley heißt es: "Doch in den Herzen derer, die ihn mit allen seinen Tugenden und allen seinen Schwächen kannten und von seiner steten Bereitschaft wußten, sein Leben für das Vaterland zu opfern, einer Bereitschaft, die keine menschliche Schwäche verdecken konnte, kann kein Befehl des Internationalen Militärtribunals den Glauben auslöschen, daß Hermann Göring von seinem Schöpfer eine andere Gerechtigkeit und eine andere Gnade empfangen hat, als die einer haßerfüllten Mitwelt."

Der dieses Buch in Deutschland herausbrachte, heißt . LeonhardSchlüter und wäre beinahe einmal Kultusminister von Niedersachsen geworden ...