Der Prozeß gegen den Berliner Nachrichtenhändler Stephan

Von Sabina Lietzmann

Berlin, im November

Im Dschungel der Geheimdienste blüht der Nachrichtenhandel, schießen die Halbwahrheiten, Denunziationen und fabrizierten Lügen üppig ins Kraut. Hier entstehen jene Gerüchte, die sich, werden sie nur recht präpariert und "authentisch" aufgeputzt, alsbald zu "Nachrichten aus wohlinformierten Kreisen" verdichten und ihren Weg in interessierte Büros und Redaktionen finden.

Ihre Fabrikanten haben einen guten Instinkt dafür, was die Auftraggeber gern hören wollen. Da ist Ulbricht bereits halb tot, die Regierung von Pankow nach Sachsen verzogen, während aus einer Agentinnenschule im Erzgebirge pikante Details bekannt werden. Mit solcherart "Informationen", von "absolut verläßlichen V-Männern" geliefert, können jene Untergrundorganisationen jederzeit aufwarten, deren Arbeitsweise und Finanzgebaren dem Bürger verborgen bleiben.

Setzt aber wirklich ein Ereignis "schlagartig" ein, wie die Geldumtauschaktion am 13. Oktober – die doch organisatorisch sorgfältig vorbereitet gewesen sein mußte –, so sind sämtliche Geheimdienste, Untergrund- und Informationsabteilungen völlig überrascht; keiner hat es, trotz prächtigster Verbindungen und verläßlichster V-Leute nach "drüben", vorher gewußt.

In jenen Kreisen gilt es noch als Empfehlung, bei der SS gewesen zu sein. Je höher, desto besser. Während andere ihren Rang schamhaft verschweigen, prahlt der, Nachrichtenhändler, er sei Ober-Sturmbannführer gewesen, obwohl die Akten sagen, daß er "nur" Unterscharführer war. Arbeit in der Gestapo macht ihn in den Augen seiner Geschäftspartner zum Experten in der Bedienung von Geheimkanälen, und die Listen, die er über angeblich illegale Betätigung seiner Mitbürger anlegt, erscheinen um so verläßlicher. Daß sein Verbindungsmann zu höchsten Pankower Regierungsstellen ebenfalls "ein alter Gestapo-Kamerad" ist, macht ihn nicht verdächtig. Was für andere Belastung wäre, hier gilt es als Garantie für "saubere Arbeit".