Die vom Bundeswirtschaftsminister im April als Teil seiner konjunkturpolitischen Maßnahmen gestartete Aktion der "Jedermann-Einfuhren" ist bis heute – also nach sechs Monaten – noch immer nicht aus ihren Kinderschuhen herausgekommen. Dabei sind diese Kleinsteinfuhren zweifellos recht verlockend, weil sie vom Genehmigungszwang und von Einfuhrpapieren (wenn auch nicht vom Zoll) befreit sind. Allerdings dürfen die einzeln mit der Post gelieferten Import-Sendungen einen Höchstwert von 100 DM je Monat nicht überschreiten. Prof. Erhard ging bei dieser Idee von der Überzeugung aus, daß die westdeutsche Bevölkerung von der Möglichkeit derartiger Kleinstimporte regen Gebrauch machen würde und sich Jedermann-Einfuhren als Preiskorrektiv auswirken könnten.

Bisher war diese Aktion – das muß ehrlicherweise zugestanden werden – ein Fehlschlag. Die Ursachen liegen einmal darin, daß attraktive Einfuhrmöglichkeiten auf dem Gebiet der Nahrungsmittel (beispielsweise Butter aus Dänemark) von vornherein aus dem Jedermann-Programm ausgenommen würden, um die bundesdeutsche Landwirtschaft nicht zu verbittern. Zum andern aber sind – etwa bei Textilien – derartige Kleinstimporte von so vielen Voraussetzungen abhängig hinsichtlich der Größe, des Musters, der Farben und der Qualität, daß selbst leistungsfähige ausländische Versandhäuser vor den für eine intensive Werbung notwendigen Investitionen zurückschrecken. Überall kaufen die Verbraucher am ehesten das, was sie an Ort und Stelle begutachten und auch anprobieren können – es sei denn, daß ihnen der Lieferant einen Katalog mit Farbmustern und einer "narrensicheren" Größen-Berechnungstabelle ins Haus schickt. Diese nur schlecht zu überwindenden Schwierigkeiten machen es erklärlich, daß die Jedermann-Einfuhr auch heute noch kaum über 5000 Pakete oder Päckchen im Monat kommt.

An intensiven Bemühungen, das Jedermann-Einfuhrgeschäft zu beleben, fehlte es nicht. Als entscheidender Bremsklotz hat sich aber immer wieder für den westdeutschen Verbraucher die unzureichende Kenntnis geeigneter ausländischer Quellen erwiesen. Es kommt hinzu, daß es ein zeitraubendes und auch kostspieliges Geschäft ist, wenn sich der einzelne Verbraucher um einen Direktbezug beim ausländischen Hersteller bemüht. Nun scheint es endlich zu einer Initialzündung gekommen zu sein. In Bonn hat ein Angestellter eines Ministeriums schon vor einiger Zeit in Zusammenarbeit mit den Betriebsräten der übrigen Ministerien eine "Käufer-Interessengemeinschaft" ins Leben gerufen. Der Gründer Hugo Schui bezeichnet seine "Käufer-IG" als einen Zusammenschluß von Verbrauchern, die wortreiche Proteste gegen hohe Preise als nutzlos ansehen. Oberstes Ziel dieser Gemeinschaft sei es, auf die Handelsspannen im Interesse der Verbraucher einen spürbaren Druck auszuüben. In ihrer Tätigkeit strebt die "Käufer-IG" (Bonn, Hittorfstraße 20) keinen Eigengewinn an; ihre Unkosten werden vielmehr aus den von den Lieferfirmen gewährten Provisionen gedeckt; ihre Mitarbeiter arbeiten ausschließlich ehrenamtlich. Ob das so bleiben kann, wenn sich die Tätigkeit der Interessengemeinschaft durch Bestellungen aus allen Teilen der Bundesrepublik und auch aus Westberlin ausdehnt, muß allerdings bezweifelt werden. Wir meinen sogar, daß es über kurz oder lang notwendig sein wird, fest besoldete Angestellte zu beschäftigen, um den schnellen Ablauf der Direktbestellungen zu sichern und den Beweis zu erbringen, daß die von Prof. Erhard propagierten Jedermann-Einfuhren nicht nur zur "Optik" des preispolitischen Programms der Bundesregierung gehören.

Das Warensortiment, das die "Käufer-IG" im Direktbezug unter Ausschaltung der Kleinhandelsspannen zu vermitteln hat, ist bereits recht ansehnlich. Beispielsweise kosten französische Damen-Wollpullover bei ihr nur 39 DM, während in den Ladengeschäften dafür 72 DM auf den Tisch gelegt werden müssen. Ebenfalls aus Paris kommt ein Markenparfüm, das in der Bundesrepublik für 24 DM verkauft wird, über die "Käufer-IG" aber nur 17 DM kostet. Und aus Holland vermittelt die Interessengemeinschaft Wolldecken für 59 DM (einschließlich Zoll) gegenüber – etwa – 83 DM in den Einzelhandelsgeschäften.

Die Mühe, die der Konsument in der Bundesrepublik und in Berlin für diesen Direktbezug hochwertiger ausländischer Waren aufzuwenden hat, ist erfreulich gering. Die "Käufer-IG" leitet die eingehenden Bestellungen an ihre ausländischen Vertragsfirmen weiter, die dann die Ware unter Nachnahme direkt an die Besteller senden. Dabei werden auch die Zollgebühren vom Briefträger kassiert. Einfacher geht es nun wirklich nicht mehr. Ist hier nun der Motor in Gang gesetzt worden, der dem heute noch reichlich müden Jedermann-Einfuhrgeschäft den notwendigen Schwung geben könnte. ww