RH-Hamburg

Sie sehen, liebe Frau Brinkmann, auf welches Niveau Ingrid kommen muß", sagt nach Schluß des Klavierspielwettbewerbs von dreißig Kindern im Großen Saal der Hamburger Musikhalle ein Klavierlehrer zur Mutter seiner Schülerin. Und Ingrid fühlt sich bei dieser Bemerkung offenbar sehr unbehaglich. Zwei Stunden lang ist es für sie so angenehm gewesen, im Parkett neben Mama zu sitzen, anstatt da oben auf dem Podium, wo die Sieger der Vorprüfung (zu der sich über zweihundert Kinder gestellt haben) auf zwei Stuhlreihen sitzen, Noten im Kopf und in den Händen.

Da also sitzen, sie nun, die etwas können, und eben ist der erste und Jüngste tapfer zum großen Flügel gestapft und spielt fein und sauber Die Zinnsoldaten von Gretschaninoff. Hinter seinem Namen stehen im Programm die Ziffern 7, 10, und 0,4, und das heißt, daß er sieben Jahre und zehn Monate alt ist und erst seit vier Monaten Klavierunterricht hat. Der Beifall für die Zinnsoldaten gibt dem kleinen Mädchen, das als nächste drankommt, das Signal, jetzt nach vorn zu gehen. Sieben Komma zehn, Justus mit Vornamen, nimmt sein Notenblatt wieder in Empfang, das er dem freundlichen Herrn am Tisch gegeben hatte. Heide (acht Komma eins) gibt das ihre dort ab, man erlebt gleichzeitig Schlußverbeugung und Anfangsknicks und dann kommt die Polonaise in g-Moll von Bach. In den Stuhlreihen im Hintergrund der Bühne kann einer gelassen mit den Beinen baumeln: er, Justus, hat es hinter sich.

Wieder ist ein kleines Mädchen an der Reihe, und wie sie zum Flügel geht, merkt man ihr an: Sie erblickt die schreckliche Menge im Saal wie lauter leise bewegte, drohend gestaffelte rosa Pappovale von Gesichtern. Irgendwo muß dort unten auch Onkel Eduard sitzen, der immer sagt, zu seiner Zeit hätte man mehr geübt und mehr gekonnt.

Der Herr, der vor der Rampe das Magnetofongerät bedient, drückt auf den Knopf. Die Bandrollen drehen sich wieder, und da kommen auch schon die ersten Takte. Die Zuschauer glauben, Herz und Finger da oben am Flügel klopfen zu sehen – und dann klopft auf einmal nur das Herz und auf das Magnetofonband kommt gar nichts. Nur vielleicht die Zehenspitzenschritte des Helfers, der sich mit dem Notenblatt in der Hand dem Flügel nähert. Aber bevor er ihn erreicht hat, kann er umkehren. Das Klavierspiel geht weiter, kommt zu einem Ende. Die Zuschauer meinen, daß Beifall trösten könne.

In der ersten Reihe sitzt eine kleine Japanerin mit klugem, ernstem Gesicht unter der schwarzen Pagenfrisur. Neun Komma drei und drei steht hinter ihrem Namen. Mit sechs Jahren also hat sie Klavierunterricht bekommen und ist jetzt neun. Auf stämmigen Beinen geht sie zum Flügel, besinnt sich, läuft zum Stuhl zurück, zieht ihre Wolljacke aus und nimmt gelassen am Flügel Platz. Die kleinen roten Spangenschuhe baumeln hoch über dem Fußboden. Und dann erklingt Beethovens Kurfürsten-Sonate Es-Dur, präzis und fast brillant gespielt. Man sieht förmlich, wie die mit großer Sensibilität dosierte Kraft von den Schultern, die in winzigen Puffärmeln stecken, über die kleinen gedrechselten Arme, über die Hände und Finger auf die Tasten trifft. Yoriko wird die Beste in der ersten Gruppe, die aus neunzehn Kindern zwischen sieben und dreizehn Jahren besteht, und erhält als Preis einen Notengutschein, der 50 Mark wert ist.

Nach der Pause kommen die Größeren dran, die zwischen dreizehn und fünfzehn Jahre alt sind. Sie spielen Bach und auch Beethoven, Chopin, Debussy und Haydn.