Das Geld fließt gegenwärtig wieder zu einem großen Teil am Aktienmarkt vorbei. Das mag einmal seinen Grund darin haben, daß es nur zur vorübergehenden Anlage auf dem Kapitalmarkt bestimmt ist, zum anderen aber übt der hohe Zinsfuß bei den festverzinslichen Papieren einen nicht zu übersehenden Anreiz aus. Er ist sogar so groß, daß immer noch Aktien verkauft werden, um mit dem Erlös Rentenwerte zu erwerben. Sicher ist es auch im Augenblick gar nicht einmal falsch, bei der Kapitalanlage den festverzinslichen Papieren einen gewissen Vorzug zu geben, denn es wird noch eine Zeit dauern, bis auf dem Aktienmarkt ähnliche Renditen wie bei den festverzinslichen Werten erzielt werden können, und von der Stabilität der Währung her besteht keine Notwendigkeit, sich nach "Substanz" umzusehen. Dennoch: zu einem gut gemischten Wertpapierportefeuille gehören nun einmal auch Aktien. Sie werden bei der Kapitalmarktförderung die Hauptnutznießer sein, denn an ihnen wurde am meisten gesündigt. Die Auffassung hat sich neuerdings immer mehr durchgesetzt.

In vielen Briefen, in denen Securius nach "kaufwürdigen Aktien" gefragt wird, werden drei Forderungen gestellt: Sicherheit, hohe Rendite und die Chance, daß der Kurs in absehbarer Zeit steigen wird. Das sind die Ansprüche, die der Aktionär in spe stellt. Vom Risiko, das jeder Unternehmer und damit auch der Aktionär trägt, denn er ist im übertragenen Sinne doch Miteigentümer "seiner" Gesellschaft, ist in solchen Briefen nur selten die Rede. Ihre Bank kann Ihnen wohl nach menschlichem Ermessen "sichere" Papiere empfehlen, also Aktien erstklassiger Gesellschaften. Ob diese aber auch von der Rendite her günstig sind, ist schon eine zweite Frage, denn die Kurse dieser Aktien sind – eben weil sie sicher sind – nicht niedrig, auch wenn man diese zu den gezahlten guten Dividenden in Bezug setzt. Andererseits brauchen Aktien, auf die eine hohe Dividende gezahlt wird, und deren Kurse dennoch relativ niedrig sind (also eine hohe Rendite bringen) nicht unbedingt zu den sichersten gehören. Immerhin, Sicherheit und Rendite sind noch überschaubare Faktoren, aber einen Garantieschein für steigende Kurse vermag niemand zu geben. Wer von einer Gesellschaft etwas weiß, von dem anzunehmen ist, daß es den Aktienkurs kräftig nach oben beeinflussen wird, pflegt sein Wissen nicht in Form von Börsentips an den Mann zu bringen. Er macht nämlich das Gegenteil: er schweigt und kauft die Aktien selbst, solange es sein Geldbeutel und Kredit erlauben. Wer es nötig hat, Börsentips zu verkaufen, weiß erfahrungsgemäß wenig; jedenfalls riskiert er es offensichtlich nicht, auf Grund seines Wissens ein Risiko für eigene Rechnung einzugehen. Gegen einen "Börsentip" ist also vieles zu sagen. Eine seriöse Bank wird sich stets darauf beschränken, Ratschläge und Hinweise zu geben. Sie wird dabei immer begründen, warum dieses oder jenes Papier kaufenswert ist oder nicht – und auf diese Begründung (die dem Tip meistens fehlt) kommt es dann an.

So ist z. B. in den letzten Wochen immer wieder auf die Preiswürdigkeit der Bankaktien hingewiesen worden, gemeint sind dann fast immer die Großbankwerte. Nicht nur der Berufshandel, auch Investment-Gesellschaften und Kleinanleger haben diese Papiere gekauft. Mit dem Erfolg, daß die Kurse stetig gestiegen sind, und zwar auch an Tagen mit stagnierender Tendenz. Noch heute läßt sich behaupten, daß in den Bankaktien das Kursrisiko gering ist. Im Schnitt liegen ihre Kurse auf dem Niveau des Vorjahres. Sieht man vom Sonderfall des Commerzbank-Bankvereins ab, wo mit ziemlicher Sicherheit eine Kapitalerhöhung im Frühjahr zu erwarten ist, dann lassen sich hier Renditen von 5,6 bis 5,7 v. H. erzielen. Allerdings ist dann noch die Steuer zu berücksichtigen. Außerdem ist Voraussetzung, daß der Dividendensatz von 12 v.H. beibehalten wird. Aber darüber gibt es nach dem bisherigen Verlauf des Geschäftsjahres keinen Zweifel. Er würde sicherlich auch noch eine höhere Ausschüttung als bisher ermöglichen, aber es ist heute zumindest noch sehr zweifelhaft, ob sich eine Bankleitung dazu herbeilassen wird. Im vergangenen Jahre halfen sich einige Regionalbanken mit der Auszahlung von Zusatzdividenden, für die ein besonderer Grund immer zu finden ist.

Natürlich spielt die Börsenspekulation auch jetzt mit der Hoffnung auf gewisse "Extras", sei es in Form eines kleinen Bonus oder eines Kapitalerhöhung mit einem wertvollen Bezugsrecht. Diese "Phantasien" haben sich aber in den Kursen noch kaum ausgedrückt. Wer die Kurse gerecht bewerten will, muß bedenken, daß die Banken auch 1957 mehr verdienen werden, als sie zur Ausschüttung bringen. Sie werden – wie in den Jahren vorher – ihre stillen und offenen Reserven stärken. Auch das würde einen höheren Kurs als bislang rechtfertigen.

Aber warum stehen die Bankaktien schon jetzt im Blickpunkt der Aufmerksamkeit? Das hat zwei Gründe. Zunächst sind die Banken üblicherweise bestrebt, möglichst frühzeitig im Jahr mit ihren Dividendenvorschlägen herauszukommen. Sie eröffnen sozusagen den Dividendenreigen. Und zum anderen wirkt sich hier ein kleiner steuertechnischer Trick aus. Der Berufshandel pflegt nämlich nicht das Ausschütten der Dividenden abzuwarten. Er verkauft seine Bankaktien kurz vor der Verteilung und realisiert dadurch die aufgelaufenen Kursgewinne. Da sie jedoch nur dann steuerfrei sind, wenn zwischen Erwerb und Verkauf der Papiere mindestens drei Monate liegen, müssen die Käufe in diesen Wochen vorgenommen werden. In der Praxis sieht dann die Rechnung so aus:

Nehmen wir an, eine Bankaktie (nom. 1000 DM) wurde zu einem Kurs von 203 v. H. erworben und zu einem Kurs von 212 v. H. verkauft, dann macht der steuerfreie Nutzen 90 DM aus. Wird bei einem Kurs von 212 v. H. der Dividendenabschlag vorgenommen, dann fällt der Kurs auf 203 v. H. zurück (abgezogen wird Dividende abzüglich 25 v. H. Kapitalertragsteuer). Der Nutzen beträgt für den Aktionär zwar ebenfalls 90 DM, aber dieser ist dann nicht unbedingt steuerfrei, weil die Kapitalertragsteuer nur eine Anzahlung auf die Einkommensteuer darstellt. Wer also in der Einkommensteuerspitze über 25 v. H. hinauskommt, muß später noch eine Nachzahlung leisten. Für den Bankkunden sind solche "Feinstrich-Spekulationen" in den seltensten Fällen lohnend, weil seine Rechnung durch die Spesen zu sehr belastet wird.

Immerhin, meine verehrten Leser, kann es auch für Sie nützlich sein, Aktien unmittelbar vor der Dividendenausschüttung zu veräußern, wenn Sie ohnehin an einen Verkauf denken. Liegen zwischen Kauf und Verkauf Ihres Papieres dann drei Monate, ist Ihnen die Dividende abzüglich Kapitalertragssteuer auf alle Fälle sicher. Aber keine Regel ohne Ausnahme, denn herrscht in den Tagen der Dividendenausschüttung eine freundliche Börsentendenz, dann kann es durchaus sein, daß der Dividendenabschlag in wenigen Tagen wieder aufgeholt ist. In diesem Falle war Ihre Rechnung falsch. Aber ich sagte Ihnen schon, bei den Aktien gibt es keinen Garantieschein ...

Ihr Securius