II. Schrankenlose Freiheit hielt nicht, was sie versprach – Zurück zur Autorität

In einem ersten Teil hat unsere New Yorker Mitarbeiterin Christa Armstrong geschildert, wie in den Staaten das starke Ansteigen der Jugend-Kriminalität Erzieher und staatliche Stellen beschäftigt Heute setzt sie sich mit den amerikanischen Erziehungsmethoden auseinander, die vor allem der Entfaltung der Persönlichkeit und Selbstverwirklichung des Kindes dienen. Aber Erziehung zur Freiheit heißt nicht, alles ist erlaubt. Kinder in Kalifornien, die fanden, daß sie zu viel Freiheit hatten und Autorität suchten, schritten zur Selbsthilfe. Sie arbeiteten freiwillig ihr Privatleben eingrenzende Gesetze aus und stellten gemeinsam mit ihren Eltern einen Kodex auf, der beide Teile befriedigte.

Beide Kinder – Christina und Susan – würden es energisch verneinen, wenn man sie fragte, ob sie auf eine "fortschrittliche Schule" (progressive school gingen. Unter progressiven Schulen versteht man hier solche Privatschulen, deren System zwar auch auf den Ideen des großen amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey basiert, die aber in ihrer Interpretation besondere Wege eingeschlagen haben.

So beispielsweise die bekannte Dalton Schule, die Anfang der zwanziger Jahre in Dalton, Massachussetts, gegründet wurde und auch Zweigstellen in England hat. Schülern und Schülerinnen wird hier außergewöhnlich viel individuelle Freiheit überlassen. Sie werden zu größter Selbständigkeit erzogen. Anfangs hatte die Schule nur ein Minimum regelmäßiger Unterrichtsstunden. Den Schülern wurden statt dessen Aufgaben in den verschiedenen Fächern übertragen, die sie im Laufe einer Woche oder eines Monats allein oder zu zweit erledigen mußten. Wie sie sich ihre Zeit dabei einteilten, blieb mehr oder weniger ihnen selbst überlassen. Im sogenannten Laboratorium, einer Zeit von 45 Minuten, die zwischen Lehrer und Schüler verabredet wird, werden dem Lehrer dann die Ergebnisse solcher Studien vorgetragen.

Im Laufe der Zeit hat dieses System indessen erhebliche Wandlungen erfahren. Die Einrichtung des selbständigen Arbeitens ist zwar beibehalten worden, aber nebenbei sind wesentlich mehr Schulstunden eingeführt worden. Sie werden "Konferenzen" genannt, weil sie mehr den Charakter einer Diskussion als den einer Unterrichtsstunde oder Vorlesung tragen. Von der Idee ausgehend, daß ein Kind am besten lernt, wenn es an dem betreffenden Lehrstoff interessiert ist und daß sein Interesse nicht immer die gleiche Intensität und Dauer hat, sieht die Dalton Schule darauf, daß ein Teil des Schultages aus freien Stunden besteht. Das sind keine Pausen, sondern Stunden, in denen die Kinder in Bibliothek, Atelier, Klasse oder Werkstatt selbständig arbeiten können.

Das ist nur eine der vielen Besonderheiten einer "progressiven" Schule, die im Grunde besser als "Experimental Schule", als Versuchsschule, bezeichnet werden sollte. Denn genaugenommen sind alle amerikanischen Schulen inzwischen "fortschrittliche" Schulen geworden, und keine hat sich den Ideen John Deweys ganz verschließen können.

"Die Grundlagen der Erziehung sind Psychologie und Soziologie." Das war das grundsätzlich Neue, das Dewey dem amerikanischen Erziehungswesen um die Jahrhundertwende brachte. Andere wesentlichen Punkte, die er in seinem Buch "Demokratie und Erziehung" niederlegte und an der Lehrerakademie der New Yorker Columbia Universität lehrte, hießen: