Idee und Feature-Technik in B. E. Werners ,,Göttin" / Von M. Beheim-Schwarzbach

Doktor Bruno E. Werner, Schriftsteller, Journalist,Redakteur und zur Zeit Botschaftsrat und Kulturattaché in Washington, also wohl als homo politicus anzusprechen und ein ausgepichter Kenner der verworrenen Zeiten und Verhältnisse um das Werden und Entstehen des "Tausendjährigen Reiches", aber auch aller erdenklichen Ausländer und Menschentypen, hat sich eine erbauliche und tiefsinnige Geschichte einfallen lassen. Mit ihr verfertigt er ein im wesentlichen satirisches Konterfei jener Zeiten und Verhältnisse:

Bruno E. Werner: "Die Göttin", Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt; 288 S., 14,50 DM.

Ein in einem libyschen Krankenhaus Sterbender phantasiert von einer antiken griechischen Statue, die er im Wüstensand entdeckt und halb ausgescharrt haben will. Seine Phantasien sind mit ihren genauen Einzelheiten und ihrer gewissenhaften Lageskizze so überzeugend, sein Vermächtnis an den Freund, sich dieses unschätzbaren Fundes anzunehmen, so bestimmt, daß diesen Freund das Entdeckerfieber packt. Die Göttin – denn um eine Göttinnenstatue scheint es sich zu handeln – nimmt in seinem Innenleben immer zwingendere Konturen an, sein Entschluß, den sensationellen Fund ans Tageslicht zu bringen und für die Kultur zu retten, steht fest.

Denn dieser Fund, sei er imaginär oder real, ist für ihn und Gleichgesinnte ein Symbol des wahren Menschenbildes, ihn zu retten eine humanitäre Tat. Doch der Plan zu dieser Tat wird seinen Händen entwunden. Die Wirren der Zeit, ihr Unflat und ihre Barbarei strudeln den Mann ein und spülen den Ortsplan der Göttin in immer unsauberere Hände. Aus dem Sinnbild der Schönheit und Menschenwürde wird ein Objekt bald der Eitelkeit, bald der Geltungssucht, bald des Geschäftes. Die Bonzen des Raubstaates bemächtigen sich seiner, jagen es einander ab, verschachern und verzerren es. Während es selber, halb Fata Morgana und halb Ausbeutungsobjekt, im Wüstensand ruht, wechselt die glückverheißende Skizze, bald vervielfältigt und bald vom Schweiß ausradiert, von einem Besitzer zum andern, bis die nun schon ganz vage gewordene Kunde gar in die Hände der Manager, der Großspekulanten, der Film- und Fernsehgangster gerät, wo ihre Wirklichkeit sich vollends in Bluff verwandelt und auflöst.

Der Roman einer Idee also und der verschiedenen Formen des Glaubens daran. Bruno E. Werner, aller erdenklichen Situationen kundig, erzählt mit smarter Verve und einer unbändigen Freude am Schillern und Funkeln der Beleuchtungseffekte, Tripolis, Berlin, Ascona, New York sind die Schauplätze, und das Licht des Erzählers geistert über vielfältige Menschenschicksale, die leicht erzählt, aber schwer und ernst von Gewicht sind. Die Unruhe des Berichtsflusses ist heute Mode, keine willkürliche, sondern mit Notwendigkeit aus der Zeit erwachsene, und ein stiller, steter Rhythmus pflegt sich dem Verdacht der Herkömmlichkeit, der Unoriginalität auszusetzen.

Bruno E. Werner beherrscht eine heute stark ansprechende Funktechnik, der mit diesem Ausdruck nicht der Ernst und die Berechtigung abgesprochen werden sollen, "aus dem Effeff". Mir ist sie immer ein wenig der Nähe des Rundfunk-Features verdächtig, das ja mit seinen Polypenarmen sich immer größerer Gebiete der Literatur bemächtigt.