Die Sache mit der 16jährigen Hausgehilfin Ursula war so: Geld hatte sie genommen, als sie – nach all den entbehrungsreichen Jahren gab es erstmals wieder Süßigkeiten – andere Menschen Schokolade essen sah. Sie wollte sich selber etwas Leckerei kaufen, und sie kam wegen des Fehltritts vor den Richter, der ein damals aufsehenerregendes Urteil fällte. Er verpflichtete Ursula dazu, drei Monate lang jede Woche für ihr Taschengeld Schokolade zu kaufen und diese unter den Waisen in einem Kinderheim zu verteilen.

Von "Kindergarten-Erziehungsmaßnahmen" sprachen damals die einen, vom "Erwachen der menschlichen Verantwortung" die anderen, und in aller Welt wurde der Mann, der dieses Urteil gefällt hatte, als "Schokoladenrichter" bekannt, berühmt.

Immer wieder hörte man in den letzten Jahren von seinen Entscheidungen: Jungen, die beim Spiel einen Waldbrand verursachten, mußten Bäume pflanzen; Schund lesende Schüler müßten der Schulbibliothek gute Bücher stiften; ein junger Tierquäler mußte sich ein Haustierchen anschaffen, um es zu pflegen; ein 16jähriger Trunkenbold mußte seine Unbedachtsamkeit beim Autofahren sühnen, indem er Sanitäterdienste in einem Krankenwagen übernahm und jährlich einen Teil seines Verdienstes an eine Trinkerheilanstalt schickte.

Alle diese Urteile des Jugendrichters von Darmstadt standen schon in den Tageszeitungen; von ihnen liest man auch in seinem Buch:

Karl Holzschuh: "...aber Ihr klagt uns an – Ein Jugendrichter erzählt", Verlagshaus Frankfurter Societäts-Druckerei, Frankfurt, 222 S., 9,60 DM.

Holzschuh will sich mit der Sammlung seiner Urteile nicht etwa ein Denkmal errichten und seinem Ruhm die Krone aufsetzen, sondern den Inhalt jener kurzen, zusammenhanglosen Zeitungsnotizen mit einem "Hintergrund" versehen, seine häufig angegriffene Urteilsweise rechtfertigen. Er geht dabei aus von den Möglichkeiten des Deutschen Jugendgerichtsgesetzes von 1953 – das Juristen und Pädagogen als eines der besten und fortschrittlichsten in der Welt bezeichnen –, und er beschreibt seine Methode an Hand von Beispielen und der Erkenntnisse der modernen Psychologie.

Den Weg, der ihn zu seiner eigenartigen Auslegung des Gesetzes führte, kennzeichnet Karl Holzschuh so: "Im Jahre 1840 wurden in der Schweiz binnen weniger Monate 1500 Diebe und Vagabunden erhängt. – Unter der Regierung Heinrichs VIII. (um 1500) fanden in England 72 000 Menschen den Tod durch den Strang. Gleichwohl nahmen Plauen und Verbrechen zu. Soll man sich darüber wundern? Ist es nicht wie ein Naturgesetz, daß rohe Zeiten rohe Strafen und rohe Strafen rohe Menschen schaffen und so die Verbrechen nur vermehren?" Und auch diese Geschichte erzählt er: Im Jahre 1581 wurde in Hamburg ein 11 jähriger Junge gehenkt, weil er einem Ratsherrn eine Fensterscheibe eingeschlagen hatte. Damals galt noch der Satz: "Wer eines Strickes Wert stiehlt oder verdirbt, soll am Strick enden."