Wenn das Radio den ersten Nachtfrost meldet, das Einkommen am Monatsende beunruhigende Überschüsse aufweist und die lieben Kinder die mehr oder weniger geschmackvollen Andenken an die Sommerreise gegen Briefmarken oder Murmeln getauscht haben, dann beginnt sich auch schon die Winterreiselust zu regen. Bundesbahn, Reisebüros und Gesellschaftsreisen-Unternehmen waren schon vorher rührig. Mit ihren von Jahr zu Jahr verführerischer werdenden Prospekten fachen sie die noch schlummernde Sehnsucht in die Berge mächtig an. Die Angebote möglicher Reiseziele sind überreich. Sie stehen in vollem Einklang mit einer hauptsächlich südlich orientierten Nachfrage. Harz, Schwarzwald, Oberbayern, die Schweiz und Italien, jedenfalls Sonne, Berge und Schnee werden im Winter natürlich bevorzugt. Es ist unmöglich, hier und jetzt detaillierte Tips zugeben; das machen die Reisebüros viel ausführlicher und eindringlicher. Aber gar nicht oft und eindringlich genug kann darauf hingewiesen werden, daß die noch weniger bekannten Schönheiten, besonders, wenn sie nicht zu fern liegen, billiger zu haben sind, als Sport- und Kurorte wie St. Moritz, Cortina oder Arosa, in denen die Tagespauschalpreise nicht unter 30 bis 50 DM liegen. In den meisten übrigen Orten kommt man mit 12 bis 24 DM bei drei Mahlzeiten täglich ganz gut zurecht, und nur zu Weihnachten hat man mit einigen Aufschlägen schwankender Höhe zu rechnen. Sie sind hauptsächlich bedingt durch das den Festtagen angemessene Essen, Dekorationsaufwand und die notwendig höheren Lohnansprüche des zur Aushilfe für diesen weihnachtlichen Ansturm engagierten Personals.

Reisen zu Weihnachten? Da verreist man doch nicht, oder doch nur zu nahen Verwandten. Weihnachten, das ist doch ein Fest der Familie,-ein Fest, das ins eigene Heim gehört.

Aber nicht jeder hat eine Familie oder eine Wohnung – und Weihnachten ganz allein, in einem möblierten Zimmer, in einem leeren Haus? Es sind tatsächlich fast ausschließlich Junggesellen, Strohwitwer oder kinderlose Ehepaare, die sich zu Weihnachten auf die Reise machen, und zwar an solcher Zahl, daß für die großen, in Richtung Süden gehenden Fernzüge sämtliche Schlafwagenbetten schon jetzt ausverkauft sind. Bleibt nur noch der mehr oder minder senkrechte Sitz, die Hoffnung, daß die Bundesbahn vielleicht einige Sonder- oder Nachzüge einsetzen wird, oder die Gesellschaftsreise. Die bevorzugten Weihnachtsorte sind Mittenwald, Ruhpolding, Bayrisch-Zell, das kleine Walsertal, Hinterstedten, Kitzbühel, Seefeld und die Dolomiten.

Gesellschaftsreisen, für viele haben sie einen gewissen Beigeschmack des Kollektiven und Herdenhaften. Tatsächlich müssen die Unternehmer dieser Reisen, die Touropa, Scharnow und Hummel, neuerdings feststellen, wie ihnen ein Teil ihrer bisherigen Stammkunden – in den letzten Jahren zu größerem Wohlstand gelangt – verlorengeht. Sie haben jetzt Reiseerfahrungen und fangen selbst auf eigene Faust an zu planen. Dafür aber hat sich ihnen ein neuer Kundenkreis eröffnet. Arbeiter und Handwerker werden anscheinend, nachdem alle Raten für Moped und Fernsehgerät bezahlt sind, in zunehmendem Maße vom Fernweh ergriffen werden. Die Aversion gegen Gesellschaftsreisen ist verständlich,aber unökonomisch. Freilich, ein kollektives Unternehmen ist und bleibt so eine Reise. Aber heute ist nur noch die Abreise ein gemeinsames Unternehmen. Die Veranstalter, die sich mit der Psyche ihrer Gäste recht eingehend beschäftigt haben, garantieren ihnen neuerdings am Urlaubsort eine kaum eingeschränkte Unabhängigkeit. Das Reisen im Haufen ist nicht billiger – die Bundesbahn gewährt den Touristik-Unternehmen eine Ermäßigung von 50 v. H. –, es bannt auch die Risiken, die aus mangelnder Ortskenntnis und ungenügender Vorbereitungszeit für den Einzelreisenden unvermeidlich entstehen. Zumindest sind ein Platz im Liegewagen, ein brauchbares Bett im Hotel oder Privatquartier gesichert, was man bei Reisen auf eigene Faust in unbekannte Gegenden nicht immer behaupten kann. Weitere Annehmlichkeiten bringt die Gesellschaftsreise dadurch, daß die veranstaltenden Unternehmen im Gegensatz zur konkurrenzlosen Bundesbahn miteinander in Wettbewerb stehen. Zum Beispiel wird dem Reisenden auch der Ärger mit dem Gepäck abgenommen.

Für den, der seine Abneigung gegen den "Sonderzug" nicht überwindet, hat zum Beispiel Hapag-Lloyd ein Kompromiß gefunden, der hier schon um des anschaulichen, gut gemachten Prospektes Reisen à la carte willen erwähnt werden muß. À la carte bedeutet in diesem Fall, daß man sich Reiseziel, Beginn und Dauer und auch das Hotel genauso frei auswählen kann wie das Transportmittel, sei es nun die Bahn, das Schiff, Flugzeug oder das eigene Auto. Dazwischen liegen die Reisen "nach Maß": die Teilnehmerzahl ist hier auf 18 Personen beschränkt, die Hotels sind komfortabler, der Liegewagen wird zum regulären Schlafwagen, und man zahlt nur fünf bis acht Prozent mehr als bei der normalen Gesellschaftsreise.

Genug davon. Es gilt auch noch an die zu denken, denen der Winter in unseren Breiten ab Anfang Januar zu frostig wird. Wo ist es warm, wenn es sehr kalt ist? Auf Sizilien, Palma de Mallorca, Südspanien und natürlich auch in Italien oder Afrika. Wenn, wie für Österreich und die Schweiz, auch für Italien und Spanien der Spartopf genügt, so empfiehlt es sich für Flug- oder Schiffsreisen nach Indien immerhin schon beizeiten ein Banckonto zu eröffnen. Indienfahrten des Hapag-Lloyd finden vom 12. Januar bis 9. Februar und vom 12. Februar bis 12. März statt. Die kombinierten Dienste der Luft-, See- und Eisenbahnfahrt bieten die Bekanntschaft mit so interessanten Orten, wie Bombay, Gaipur, Delhi, Benares, Kathmandu, Madras und Ceylon.

Übrigblieben also nur noch diejenigen, die mit Sehnsucht im Herzen mit der bitteren Tatsache konfrontiert sind, daß sie so bald nicht wieder mit Urlaub zu rechnen haben. Ihnen zum Trost und Ziel soll zum Schluß darauf hingewiesen werden, daß die Hapag mit dem Ankauf des 8000 Tonnen großen Dampfschiffes "Ariadne" – es wird im Februar unter seiner neuen alten Flagge zur Jungfernfahrt auslaufen – die 110 Jahre alte, rühmliche Tradition der Hamburg-Amerika Linie wiederaufnehmen wird. Diese Jungfernreise geht – vom 1. bis 22. Februar – nach Marokko und weiter die westafrikanische Küste hinab und schließt für einen geringen Mehrpreis Ausflüge und Besichtigungen in Lissabon, Las Palmas, Conatory, Freetown, Dakar und Casablanca ein. 13 Reisen von jeweils 15 bis 21 Tagen Dauer werden danach ihre Fahrgäste ins Mittelmeer und den immer noch lockenden Orient führen: Ägypten, Türkei, Lissabon, Palästina, Rhodos und Griechenland. Die ersten im Februar, die letzten im Oktober. Die Kosten bewegen sich auf der Grenze zwischen Brieftasche und Postscheckkonto. Eingeschoben sind (von Ende Juni bis Mitte August) drei "Abkühlungsreisen": zum Nordkap, nach Island, Spitzbergen und an der norwegischen Küste entlang, weil das Wetter dieser Wochen im Süden einfach zu gut und für Mitteleuropäer zu heiß ist. Und danach wäre es schon wieder so weit, mit dem Studium der Winterprospekte des nächsten Jahres zu beginnen. Alle Einzelheiten wissen die Reisebüros. Von ihnen gilt, was die Astrologen von den Sternen behaupten; sie zwingen nicht, sie machen nur geneigt. Das gleiche gilt auch von uns.

J. C. Petersen