Lissabon, im November

Novembernachmittag in Lissabon. Die Sonne scheint warm auf plätschernde Brunnen und flatternde Taubenschwärme. In den Kaffeehäusern am Rossio ist kein Tischchen im Freien leer.

Viele Autos fahren auf der Estrada marginal, die am Tejo entlangführt, zur Costa do Sol, der portugiesischen Riviera. Wenn man gegen Abend auf dieser Straße fährt, so begreift man, warum die späten Herbsttage an dieser Küste eine besondere Anziehungskraft haben. Die Gärten, die die Straße säumen, sind noch voller Blumen: Bougainvillen und Hibiscus vom hellsten Rosa bis zum dunkelsten Purpur, Geranien fallen in Kaskaden über die Mauern, hier und dort noch spätblühende Mimosen. In der klaren Luft stehen die Sintraberge dunkelviolett vor einem verblassenden Himmel. Und im weiten Rund der Tejobucht glühen bereits erste Lichter auf, über Meer und Küste streicht eine sanfte Nachtbrise, die noch nichts Winterliches hat... Kein Wunder, daß noch viele Gäste im Lande sind. Auch Arbeitskongresse wählen gern die Stadt mit dem milden Klima.

Die Entfernung zwischen Portugal am äußersten südwestlichen Rand des Kontinents und der Bundesrepublik ist nicht zu unterschätzen. Eilige Leute pflegen das "Problem Transport" durch ein vorbestelltes Flugbillett zu lösen. Sie steigen nach sechs Stunden im Flughafen von Lissabon aus und haben nun eine Fülle von internationalen Hotels in der Stadt selbst und im mondänen Estoril zur Verfügung, denn es gibt kaum eine Stadt in Europa, die in den letzten, Jahren so viele Hotels gebaut hat wie Portugals Hauptstadt.

Wer mehr Zeit hat und sich mit dem Auto auf den Weg begibt, der nimmt am besten die Route durch Frankreich bis zur Silberküste von Biarritz. Vierzig Kilometer weiter liegt das spanische San Sebastian an der gebirgigen Concha-Bay. Die Straße läßt dann die wilden Vorgebirge zurück und führt durch die nordspanischen Provinzen La Montana, Asturien und Galioia.

Es ist auf Autoreisen – und zumal im Spätherbst und Winter – nicht überall einfach, ein angenehmes und komfortables Quartier zu finden. Das spanische Fremdenverkehrsamt hat dieses Problem zum Teil gelöst, indem es im ganzen Land 14 guteingerichtete Rasthäuser (Paradores) an landschaftlich schön gelegenen oder historisch interessanten Orten errichtete. Zu den reizvollsten gehört zweifellos der Parador von Santillana del Mar, 40 Kilometer von Santander entfernt. Das malerische Dörfchen ist reines Mittelalter, der Parador in einem der wappengeschmückten Steinhäuser der Stadt fügt sich mit seiner Eichentreppe und dem blumengeschmückten Patio harmonisch in dieses Bild. Santillana ist auch der Ausgangspunkt für die Höhlen von Altamira mit ihren vielumstrittenen, Felszeichnungen. Über tausend Meter erheben sich hier die Berge und hoch oben wurde ein Parador gebaut, der einen herrlichen Rundblick über die leonesischen Berge freigibt. Riaño und Pajares, das an der Strecke von Leon-Gijon liegt, sind Eldorados der Sportler: Bergtouren bis zu den die Küste begleitenden Picos de Europa, Forellenfischen in den Bergwässern – man erinnere sich nur an die Forellenbäche, die Hemingway in seinem Buche "Fiesta" beschreibt – und im Winter Skisport ziehen viele Besucher an. In Riaño ist zu entscheiden, ob der Weg nach Portugal über Madrid (381 km) gehen soll, wo kurz vor der portugiesischen Grenze der Parador im alten Palast von Ciudad Rodrigo – oder, falls wir über Badajoz fahren – der Parador von Merida als Übernachtung gewählt werden können.

Die Route entlang der Küste führt durch die wildromantische Provinz Galicia mit ihren einsamen Waldstraßen nach Portugal. Wir fahren durch Schluchten und wieder auf Berge hinauf bis zur uralten Wallfahrtsstraße zur romantischen Kathedrale von Santiago di Compostella. Keine hundert Meter weiter finden wir den Parador von Pontevedra in der alten "Casa del Baron". "Würdig restauriert und im Charakter der Zeit möbliert ... ein Ort, seit dem 16. Jahrhundert berühmt durch seine Küche!" so empfiehlt das spanische Fremdenverkehrsamt dieses Haus. Bei knisterndem Kaminfeuer wird ein Pote Gallego mit Schinken und Gemüsen oder ein Stockfischgericht al pil-pil serviert, und die Spanier trinken dazu den starken Wein derGegend, vinodesriveiro.