Der Oktober hat eine sensationelle Wendung zur Normalisierung der deutschen Zahlungsbilanz gebracht. Das geht aus den zu Anfang November veröffentlichten Zahlen über die Zugänge an Gold und Devisen bei der Deutschen Bundesbank hervor. Der entscheidende Posten dieser Abrechnung, nämlich der Überschußbetrag aus der Abrechnung mit der EZU, der Europäischen Zahlungs-Union, ist auf 100 Mill. DM zurückgegangen – einen Betrag, der wesentlich unter dem Stand der letzten 24 Monate liegt. Besonders deutlich tritt die Wendung bei einem Vergleich mit den Überschußbeträgen der letzten Monate hervor: sie lagen ständig über dem Betrag von 400 Mill. DM, und August wie auch September erbrachten sogar jeweils eine runde Milliarde DM. Derartige Rekordüberschüsse haben einige Sorgen hervorgerufen – berechtigte Sorgen, da sie das Ergebnis einer bedenklichen (wenn auch nicht von der deutschen Wirtschafts- und Währungspolitik verschuldeten) Entwicklung sind. Der Herd der Krankheit lag eindeutig bei den Defizitländern, vor allem bei Frankreich und England. Die britische Regierung hat sich nun dahin entschieden, die Parität des Pfundes zu verteidigen, und sie hat hierzu sehr harte und ihrer Wirtschaft erhebliche Opfer abverlangende Maßnahmen eingeleitet. Diese Selbstbesinnung auf die eigene Kraft ist im Kampf gegen die Inflation sofort sehr viel wirkungsvoller gewesen, als alle bisher von außen her gewährten Kredite und Hilfen. Die Spekulation, die sich auf die Alternative einer Pfund-Abwertung oder einer D-Mark-Aufwertung eingerichtet hatte, ist zum Rückzug gezwungen. Die "heißen Gelder", die in das Bundesgebiet eingeströmt waren, werden wieder abgezogen: weil der Welthandel eben flüssige Mittel braucht und deshalb die aus spekulativen Motiven veranlaßte Stillegung solcher Beträge auf den Währungskonten der Bundesbank beenden muß. Die Normalisierung würde sich noch viel deutlicher ausprägen, wenn auch Frankreich seine Währung (und damit seine Zahlungsbilanz) in Ordnung bringen könnte. – Für die westdeutsche Währungspolitik gilt es jetzt, der Öffentlichkeit sehr nachdrücklich die Tatsache vor Augen zu stellen, daß die Gold- und Devisenreserven der Bundesbank keineswegs "überhöht" sind und daß sie deshalb "abgebaut" werden müßten. Nicht die absolute Höhe dieser Reserven war bedenklich, sondern nur das Tempo ihres Anwachsens.Da sich hierbei eine Normalisierung ergeben hat, die – nach dem übereinstimmenden Urteil der Fachleute – beständig zu bleiben verspricht, ist es nicht nur völlig unnütz, sondern durchaus schädlich, irgendwelche "Aktionen" in Gang zu setzen, mit deren Hilfe der gewaltsame Abbau dieser erfreulich hohen Währungsreserven betrieben werden soll.

Von vielen Seiten her richten sich jetzt begehrliche Blicke auf die Währungsreserven der Bundesbank, die inzwischen den stattlichen Betrag von 23 Mrd. DM erreicht haben. Man "sieht" diesen Schatz – und man vermag nicht einzusehen, warum man ihn nicht nutzen sollte: jetzt, da die Realisation vieler politischer Wünsche an einer angespannten Haushaltslage zu scheitern droht... Dabei wird übersehen, daß es der Sinn von Währungsreserven ist, die Freiheit des Handelns auch für Zeiten einer wirtschaftlichen Beengung zu sichern – nicht anders, wie dies ein Sparguthaben für jeden einzelnen tut.

Es ist leicht gesagt, daß es "nichts so Unrentables gebe wie bares Geld", solange man – was in der Hausse ja meist der Fall ist – mit ihm etwas Besseres anzufangen weiß. So werden immer neue Vorschläge gemacht, was alles man mit den "schönen" Gold- und Devisenvorräten anfangen könnte. Der Notenbank bleibt da kaum etwas anderes übrig, als solchen Wünschen immer wieder den Katechismus des währungspolitischen Wohlverhaltens entgegenzuhalten, in dem geschrieben steht, daß sie ein Geldinstitut ist, das seine flüssigen Währungsreserven deshalb nicht in langfristige Staatstitel umtauschen darf (wie man dies jetzt vorschlägt), weil sich sonst später allzuleicht ihre Aktivaseite als "betoniert" erweisen könnte – und das dann gerade in einem denkbar unerwünschten Augenblick. Solche Überlegungen sind um so notwendiger, als die Bundesbank ja für die Liquiditätshaltung der deutschen Wirtschaft "da" ist. Wären die deutschen Währungsguthaben, wie dies vielfach im Ausland der Fall ist, weiter "gestreut" – das heißt: würden die deutschen Banken und die großen Firmen selbst im Ausland Währungsguthaben unterhalten, anstatt die Exporterlöse sofort bei ihrem Eingang bei der Bundesbank in DM umzuwechseln – dann würden die Währungsreserven zweifellos längst nicht in gleicher Weise die Phantasie anregen, die dies heute bei uns der Fall ist.

Dieses "Spiel mit der Phantasie" ist nicht ungefährlich. Denn es läßt Wünsche aufkommen, an die ursprünglich niemand gedacht hat. Lange Zeit war man in Deutschland der einhelligen Auffassung, es sei richtig, die Zahlungsbilanzüberschüsse zu einer verstärkten Tilgung von Auslandsschulden zu nutzen, um auf solche Weise die extremen Zahlungsbilanzausschläge abzuschwächen. Als sich dann aber bald zeigte, daß es praktisch unmöglich ist, die entsprechenden D-Mark-Beträge für eine solche Tilgung im Inland aufzubringen, wurde nun (zweitens) vorgeschlagen, die Notenbank möge deutsche Dollarbonds (und ähnliche Werte) im Ausland aufkaufen und sie ins eigene Portefeuille nehmen. Danach kam die Auffassung zu Worte, es sei unzweckmäßig, die liquiden Reserven der deutschen Volkswirtschaft nur in Gold und Dollar zu unterhalten; der Notenbank wurde nahegelegt, billige Währungskredite an die Wirtschaft herauszulegen, damit diese größere Vorräte an Rohstoffen anlegen könne. – Praktisch läuft das darauf hinaus, daß an die Stelle von Goldvorräten (und Devisenguthaben) nun Vorräte an Nichtedelmetallen, Wolle, Fetten usw. treten würden. Vieles könnte dafür und einiges dagegen gesagt werden. Die währungspolitische Diskussion bewegt sich ja keineswegs ausschließlich in wirtschaftlichen Gedankengängen, sondern sie geht darüber hinaus in den politischen, ja in den militärischen Bereich. Wer aber verpflichtet ist, über die Verteidigung nachzudenken, der kommt geradezu zwangsläufig zu der Überlegung, daß man Rohstoffstocks nicht in einem Gebiet lagern sollte, das im Zugriffsbereich des voraussichtlichen Gegners liegt. So drängt sich der Gedanke auf, ob es da nicht besser sei, diese – nach Meinung der Wirtschaftler – doch offenbar "disponiblen Mittel" für den Ankauf von Waffen und Ausrüstungen im Ausland zu nutzen.

Tatsächlich gehen in Bonn heute bereits manche Überlegungen in dieser Richtung. Minister Etzel möchte offenbar, nachdem er erkannt hat, daß die Reserven des "Juliusturms" bereits voll "verplant" sind, von der Notenbank einen Devisenkredit für die Finanzierung von Rüstungskäufen im Ausland fordern. Es zeigt sich. hier wieder aufs neue, daß ein auch nur geringfügiges Abweichen von dem Weg der währungspolitischen Tugend – also von dem, was der Katechismus der Notenbank besagt – infolge der "politischen Dynamik" zwangsläufig in sehr umstrittene Gebiete hineinführen muß:

Gestern sprach man von Schuldentilgung, der Finanzierung von langfristigen Auslandsanlagen und von Rohstoffstocks – heute spricht man von dem Kauf von Waffen, und morgen vielleicht von der Raumschiffahrt zum Monde, für die "unbedingt" Mittel aus der Notenbank-Reserve hergegeben werden müßten – weil anderweit eben keine verfügbaren Gelder mehr vorhanden seien.

Deshalb gilt es heute mehr als je, die gesunden Grundsätze der Notenbankpolitik zu verteidigen. Sie muß ihren Charakter als GeWinstitut ungeschmälert aufrechterhalten; ihre langfristigen Engagements müssen so niedrig wie nur möglich gehalten werden. Die Bundesbank (genauer gesagt: ihr Vorgänger, das Zentralbanksystem) hat der öffentlichen Hand in Gestalt von Ausgleichsforderungen u. ä. bereits langfristigen, praktisch unkündbaren und niedrig verzinslichen Kredit in Höhe von 8,5 Mrd. DM gegeben. Ein Teil des 4,2 Mrd. DM betragenden Kredits an die EZU stellt sicherlich auch keine liquide Währungsreserve mehr dar. So ist zum mindesten ein Drittel der Aktiva der Notenbank also bereits langfristig angelegt. Das sollte genügen. Es wäre jedenfalls nicht unbedenklich, diesen Betrag zu erhöhen, denn es wird nicht immer möglich sein, ihn auf eine solch einfache Weise zu mobilisieren, wie das jetzt geschehen kann. Dies setzt, eine Überliquidität der Geschäftsbanken voraus, die nicht immer gegeben sein muß und wird.