Künstler und Schriftsteller im Ausstellungshaus in Hameln

Von Gottfried Sello

Ende Oktober wurde in Hameln, gegenüber der mächtigen Weserbergland-Halle, ein bildschönes kleines Ausstellungshaus, das der Kunstpreis Hameln bei dem Hannoveraner Architekten Professor Oesterlen bestellt. und durch Spenden seiner Mitglieder finanziert hatte, von dem niedersächsischen Kultusminister eröffnet. Der eingeschossige Bau besteht aus unverputzten, weiß getünchten Ziegelwänden, er besitzt einen geräumigen Garteninnenhof (für "Plastik im Freien"), er verfügt über eine ausgezeichnete Beleuchtungsanlage (filtriertes Oberlicht), und es können 100 bis 150 Bilder und Skulpturen ausgestellt werden. Um diese Leistung zu würdigen, muß man bedenken, daß sich beispielsweise die Hamburger Künstler seit zehn Jahren um ein eigenes Ausstellungshaus bemühen und daß dieses Haus, obgleich alle zuständigen Stellen von seiner Notwendigkeit überzeugt sind, heute noch nicht einmal auf dem Papier steht...

Der Kunstkreis Hameln wurde 1948 kurz nach der Währungsreform von einigen kunstbegeisterten Bürgern als "Gesellschaft zur Förderung der bildenden Künste" gegründet. Den Vorsitz übernahm Ministerialdirigent Dr. Rolf Flemes, als Kustos und künstlerischer Motor fungiert Dr. Herbert-Wolfgang Keiser, seit einigen Jahren Direktor des Oldenburger Landesmuseums. Die ersten Ausstellungen wurden in einem Möbelgeschäft, später im Zeichensaal des Gymnasiums improvisiert. Im Laufe der Jahre gewann der Kunstkreis auch auswärtige Mitglieder, vor allem wurde Kontakt mit großen norddeutschen Reedereien aufgenommen. Dadurch wurde eine praktische Künstlerhilfe organisiert, die unter dem Motto "Maler auf großer Fahrt" Künstlern aus ganz Deutschland, jungen unbekannten und arrivierten Malern kostenlose Reisen ins Mittelmeer, nach Skandinavien, nach Nord- und Südamerika ermöglichte. Die malerische Ausbeute dieser Studienreisen wird regelmäßig in Hameln ausgestellt – die nächste Ausstellung "Maler auf großer Fahrt" ist für den März 1958 vorgesehen. Außerdem hat der Kunstkreis für seine Mitglieder Exkursionen zu Kunststätten und Ausstellungen im Ausland veranstaltet.

Diese Kunstfreudigkeit in einer kleinen Stadt unterscheidet sich, wohltuend von dem oft lauten, hektischen Kunstbetrieb der großen Städte. Daß ihr im übrigen keinerlei provinzieller Beigeschmack anhaftet, beweist die jetzige Ausstellung des Kunstkreises, die erste im neuen Haus. Sie heißt "Künstler in Bildnissen" und will mit ICO Werken lebender deutscher Maler, Bildhauer und Graphiker "eine zuverlässige Orientierung über den Stand der Bildniskunst im Jahre 1957" geben, wie es Dr. Keiser im Vorwort des Katalogs formuliert. Ein wichtiges und aktuelles Unternehmen, weil die aus vielen Museen, Ateliers, Wohnungen und öffentlichen Gebäuden zusammengeholten Bilder und Skulpturen keinen Zweife. daran lassen, daß die oft totgesagte Porträtkunst noch immer am Leben ist. Nur der "Spezialist im Porträtfach" ist tatsächlich ausgestorben. Die Photographie auf der einen Seite und der allgemeine Trend zur Gegenstandslosigkeit auf der anderen Seite haben den Raum eingeengt, auf dem die heutige Portfätkunst sich entfalten kann.

Aber auch in porträtfreudigeren Zeiten ist das Porträt ein Wagnis gewesen, ein Kampf, aus dem entweder der Maler oder der Porträtierte als Sieger hervorging. Das Gespräch der Meister über Glanz und Elend des Porträtierens zieht sich durch die Jahrhunderte...

Arnold Böcklin: "Das Porträt ist die elendeste aller Kunstgattungen, weil der Künstler dabei am meisten gebunden ist."