Von Paul Hühnerfeld

Daß ein Lyriker, ein Mann also, der wirklich Verse schreibt, vielen in Deutschland bekannt geworden ist – ist das nicht ein gutes Zeichen für das so oft geschmähte "literarische Leben" in unseren Jahren? Rudolf Hagelstange ist bekannt; seinen Namen kennen viele, die man gemeinhin mit Gedichten nicht in Verbindung bringen würde. Und sie kennen ihn gewiß nicht deswegen, weil Hagelstange auch zwei beachtliche Prosabücher geschrieben hat (das letzte "How do you like America?" ist besonders interessant und von einem Humor, den man sonst bei deutschen Lyrikern nicht findet).

Sie kennen ihn auch nicht, weil er ein Mann ist, der im Leben steht, der Anteil nimmt an unserem Alltag und der zumindest zwei bedeutende Reden in den letzten Jahren gehalten hat: einmal eine über "Das Brot der Freiheit", eine Rede zum Gedenken an die ungarischen Intellektuellen, die im Freiheitskampf ihr Leben ließen; und zum anderen einen Vortrag zur Eröffnung der diesjährigen Buchmesse, wo der Dichter mit dem Buchbetrieb dieser Jahre polemisch ins Gericht ging.

Von da aus die Berühmtheit des Autors Hagelstange zu begründen, hieße, das Pferd am Schwanz aufzäumen: nur weil er als Lyriker schon so berühmt war, haben ihn geschickte Manager zu diesen beiden Veranstaltungen die Festrede halten lassen.

Ich gestehe gern, daß mich die Berühmtheit Hagelstanges in gutem Sinne ratlos macht. Denn seine Gedichte – wer wollte das leugnen – sind esoterisch. Sie sind nicht von jener grellen Modernität, die heute eine Gruppe Interessierter von vornherein anzieht; sie sind aber auch nicht volksliedhaft (obwohl viel volksliedhafte Töne darin auftauchen können). Sie sind von makelloser, beinahe kühler Reinheit.

Man denkt an das Adjektiv"marmorn", wenn man sie liest. Doch schlägt hinter dem Marmor das Herz eines leidenschaftlichen Menschen, der freilich weiß, daß wir im Leben und in der Dichtung unsere Leidenschaften zu zähmen haben.

Er weiß es schon sehr lange, viel länger eigentlich, als er lebt, denn: Hagelstange steht in der großen abendländischen Tradition des Humanismus. Das Italien, das Plato wiederentdeckt hat, ist seine Heimat. Ich, muß es griechisch sagen: Paideia ist auch Hagelstanges Ideal.