Rationalisierung ist für viele Unternehmen schon längst ein ernsthaftes Problem – für viele Mittel- und Kleinbetriebe aber, die sie eigentlich besonders nötig hätten, fast ein Schreckgespenst. Einrichtungen wie das Rationalisierungs-Kuratorium der deutschen Wirtschaft (RKW), die sich diesem Problem widmen, haben es in ihrer Alltagsarbeit deshalb oft nicht leicht. Manche Betriebe, die selbst vorbildlich rationell arbeiten, stehen solchen Organisationen mit Selbstbewußtsein und entsprechender Skepsis gegenüber, während die anderen nicht nur befürchten, den "Rationalisatoren" irgendwelche Geschäftsgeheimnisse verraten zu müssen, sondern auch vor dem angeblich "trockenen Kram" zurückschrecken ...

Gerade in der Berliner Nachkriegswirtschaft mit ihrem bedeutend größeren Kapitalbedarf und -mangel, als ihn die westdeutschen Unternehmen beklagen, hat der klare und gesunde Verstand ein weites Betätigungsfeld gefunden. Da der wirtschaftliche Erfolg aber weniger von genialen Ideen als von der Durchleuchtung einer Fülle scheinbarer oder wirklicher Kleinigkeiten abhängt, ist solche Tätigkeit wahrlich kaum kurzweilig. Bei der RKW-Zweigstelle Berlin ist man nun seit einiger Zeit der Meinung, diese Erkenntnis schließe nicht aus, daß man die Arbeit den Interessenten und denen, die es werden sollen, so kurzweilig wie möglich darbietet. Der kürzlich erschienene Jahresbericht 1956/57 ist bezeichnend für den hier wirkenden aufgeschlossenen Geist. Das Stichwort "Schulung" z. B. illustriert ein fröhlicher Maurer mit Schulranzen auf dem Rücken und Ausbildungsdauern vor der Nase, den "Erfahrungsaustausch" demonstrieren zwei Männer an einem gepanzerten Dritten, der sich unter einem Kopfverband vor Schmerzen windet, "Kunststoffe helfen der Hausfrau" in Gertalt einer großen Aromaflasche, die wie ein Damoklesschwert über ihrem Kuchenteig schwebt, und zwei ganzseitige "paradiesische" Schilderungen eines bekannten zeitgenössischen französischen Karikaturisten, die den Textteil umschließen, lassen "auf höchster Ebene" den Wert einer guten und sinnvollen Arbeit erkennen. Hier ist der Humor zum Diener einer nicht ernst genug zu nehmenden Verstandesarbeit geworden. Uns will scheinen, dieses Beispiel könnte vielen Verfassern von Jahresberichten eine Lehre sein. gns.