Dr. Eugen Gürster, unseren regelmäßigen Lesern wohlbekannt, ist Kulturattaché an der Deutschen Botschaft in London. Es erschien uns von besonderem Interesse zu hören, wie er all jene Vorgänge sieht, die unter den Schlagwörtern "Revolte der Jungen" und "Ärgerliche junge Männer" inzwischen auch diesseits des Ärmelkanals lebhaft diskutiert werden.

London, im November

T.S. Eliot, dem Colin Wilson seinen "Outsider" übersandt hatte, gab dem jungen Autor den dringenden Rat, in den nächsten Jahren kein Buch mehr zu veröffentlichen. Colin Wilson hat diesen Rat nicht beachtet und seinem ersten, von so unerwartetem Erfolg begleiteten Buch jetzt ein zweites folgen lassen: "Religion and the Rebel".

Colin Wilson war nicht gut beraten, als er kaum ein Jahr nach seinem ersten Erfolgsbuch ein zweites veröffentlichte, das nicht nur über weite Strecken hin eine Paraphrase des "Outsiders" ist, sondern diesen zunächst gut gewählten Begriff so sehr zerdehnt, daß er schließlich auf alle Denker und Künstler paßt, deren die Lesewut des Autors habhaft werden konnte. Aus dem fruchtbaren Einfall eines begabten Autodidakten, die Not und die geistige Ratlosigkeit unserer Zeit in den "Außenseiter"-Typus zu verdichten, wird in diesem zweiten Buch ein Trick, mit dem der Autor dem Rätsel problematischer Naturen allzu munter zu Leibe geht.

Das Buch vom "Outsider" war der in seiner Voraussetzungslosigkeit rührende Versuch eines Amateurs, eine Arbeit über den in kein Schema passenden Menschen zu schreiben, der sein Schicksal weder von den sozialen Bedingungen noch den geistigen Konventionen seiner Zeit und seiner Klasse bestimmen lassen wollte. Nur ein Amateur (im guten Sinne des Wortes) konnte die Naivität aufbringen, gewisse Fragen, die die Menschheit zu allen Zeiten bewegt haben, noch einmal zu stellen, und zwar so, als wären sie vor ihm überhaupt noch nie gestellt worden.

Der Grundeinfall vom "Außenseiter" hat sich in Wilsons neuem Buch zu einer Art Zwangsvorstellung entwickelt, der sich jeder der von ihm behandelten Denker und Dichter einzupassen hat.

Wer schreiben kann, daß die Lehre Christi mit der Nietzsches und Buddhas im tieferen Grunde identisch sei, verrät dadurch, daß er noch nicht jenes elementare religiöse Erlebnis gehabt hat, das ihn nötigte, das Problem einer "Neuen Religion" mit wirklichem Ernst anzugehen. Die Entschlossenheit zur Synthese à tout prix produziert Wunschbilder etwa folgender Art: "Der ideale Philosoph müßte die visionäre Kraft eines Swedenborg oder Blake mit der Skepsis eines Bertrand Russell vereinen; das wäre die Mindestforderung ... Schade, daß Swedenborg kein geschulter Philosoph war – sonst hätte er seinen Existentialismus so fest begründet, daß er die Entwicklung unserer Zivilisation in andere Bahnen gelenkt hätte."