Seit Jahrhunderten ist die Elbe die Lebensader Hamburgs und seines Hafens. Heute ist sie uns außerdem noch Symbol für die bescheidenen Bande, welche die Teile des gespaltenen Deutschland verbinden – trotz der Kluft, die sich ständig zu erweitern scheint. Ab 15. Dezember aber wird die Elbe eine zusätzliche Aufgabe übernehmen: als Stromlieferant hilft sie künftig auch, die westdeutsche Energielücke zu verringern.

Die Voraussetzungen dafür bringt das gewaltige Pumpspeicherwerk, das – 35 km elbaufwärts von Hamburg bei Geesthacht – seit dem Dezember 1955 im Bau ist. Am vergangenen Freitag konnte das Richtfest gefeiert werden, und Mitte Dezember wird – genau nach dem Terminkalender der Ingenieure – die erste von insgesamt drei Turbinen anlaufen, um fortan 35 000 Kilowatt für das Stromnetz der Hamburgischen Electricitäts-Werke AG zu liefern. Ab Oktober 1958, wenn der letzte Maschinensatz in Betrieb genommen sein wird, soll dieses moderne Werk dann über eine Leistung von 105 000 kW verfügen. Es wird also in der Lage sein, als "Stromdepot" den erheblichen Spitzenbedarf des Hamburger Versorgungsgebietes zu befriedigen und außerdem eine für die sichere Strombelieferung einer Großstadt vom Range Hamburgs unentbehrliche Augenblicksreserve bereitzustellen.

Ausgangspunkt für den Bau des Pumpspeicherwerkes war die Notwendigkeit, südwestlich von Geesthacht eine Wehr- und Schleusenanlage zu errichten, um ein weiteres Absinken des Niedrigwasserspiegels zu verhindern. Der Stauraum oberhalb dieser Anlage schuf nun in Verbindung mit dem bei Geesthacht dicht an die Elbe herantretenden Geestrücken verhältnismäßig günstige Möglichkeiten für ein Pumpspeicherwerk, wie wir es normalerweise nur in wasserreichen gebirgigen Gebieten finden, wo die Natur schon für ein ausreichendes Gefälle der Wassermengen sorgt. In Geesthacht beträgt dieses Gefälle kaum 80 m. Das ist mehr als bescheiden und stellt zweifellos eine ernsthafte Belastung für die Wirtschaftlichkeit dieser Anlage dar. Wenn die Entscheidung trotzdem für das Pumpspeicherwerk ausgefallen ist, so deshalb, weil es bereits, nach zwei Minuten Strom liefern kann, sich Maschinenstörungen in anderen Kraftwerken also nicht als Unterbrechung der Stromversorgung auswirken müssen, während Kohlekraftwerke – als Reserve – immerhin eine Anlaufzeit von etwa zwei Stunden brauchen.

Über die Aufgabe hinaus, Stromdepot für Hamburg zu sein, kommt dem Pumpspeicherwerk Geesthacht aber noch eine Bedeutung zu, die weit über das Versorgungsgebiet der Hamburgischen Electricitäts-Werke hinausgeht: seine Leistung wird auch einmal dem deutschen Verbundnetz zur Verfügung stehen, dessen Leitungen vorläufig bei Hannover, Lehrte und Helmstedt ihr Ende finden. Durch die technische Entwicklung der Atomenergie wird die Notwendigkeit von Pumpspeicherwerken ebenfalls unterstrichen. Atomkraftwerke können, wie ebenfalls die mit Kohle und Öl beheizten Werke, aus technischen Gründen nur mit gleichbleibender Leistung in Betrieb sein, also – wie der Fachmann sagt – lediglich "die Grundlast fahren". Daher verlangt die Stromversorgung der Zukunft eine Ergänzung dieser "Grundlastwerke" durch reine Spitzenkraftwerke, wie sie in idealer Form die Pumpspeicherwerke darstellen.

In gesamtdeutscher Sicht ist die Stromgewinnung bei Geesthacht – zunächst jedenfalls – nur von sekundärer Bedeutung. Der Bau der Staustufe ist vielmehr der erste Schritt auf dem Wege zu einer leistungsfähigen Wasserstraße von der Tschechoslowakei über Mitteldeutschland bis zum Hamburger Hafen mit direktem Anschluß zu allen Häfen der Welt. Hamburgs Hafenexperte, Senator Ernst Plate, hat es einmal so formuliert: "Geesthacht ist das auf die Zukunft gerichtete Vorhaben des größten deutschen Seehafens, der sich seiner Möglichkeiten und seiner Verpflichtung zu einer ausgleichenden Mittlerfunktion zwischen West und Ost bewußt ist." Daß die Hamburger Haushaltungen, Fabriken und Kontorhäuser aus dieser wirtschaftlichen Zielsetzung profitieren, indem ihr "Spitzenstrom" künftig aus dem 3,3 Mill. Kubikmeter Wasser fassenden Speicherbecken von Geesthacht kommt, ist aber auf jeden Fall eine recht erfreuliche Zugabe ... Willy Wenzke