Von Max Rychner

Günter Blöcker, 1913 in Hamburg geboren, seit 1933 vorwiegend in Berlin lebend und nun, da sein erstes Buch erschienen ist, mit einem Schlag der erste Literaturkritiker dieser Stadt, hat 29 Essays über europäische und amerikanische Dichter zusammengefügt, die eine Funktionslehre moderner Dichtung enthalten sollen.

Günter Blöcker: "Die neuen Wirklichkeiten. Linien und Profile der modernen Literatur", Argon Verlag, Berlin, 368 S., 13,80 DM.

"Modern": nur acht lebende Autoren sind darunter; also die Toten und ein paar Alte sind für Blöcker die Vertreter jenes Geistes, der wesentlich aktuell ist oder in einer bloß kalendermäßigen Moderne, unserer, wieder aktuell werden müßte. Als Hermann Bahr um 1890 in Wien "die Moderne" verkündete – von ihm stammt auch der Begriff – war seine größte Hoffnung ein Siebzehnjähriger: Loris, der Gymnasiast Hofmannsthal, als Dichter bereits bewiesen. Das beleuchtet den Pegelstand zweier Zeitalter; das unsere muß sich Hoffnung mit dem steten Vorbehalt der Weltkatastrophe erarbeiten, jenem fiel sie samt den Erfüllungen nur so zu.

Blöcker betrachtet die Errungenschaften der Jahre 1900–1930, wo die Nationalliteraturen Europas noch einmal in eine Konstellation traten; er fordert oder verkündet keine neue Bewegung, Schule, Richtung, sondern Rückwendung und Begreifen der Schöpfungen jener Epoche, die uns immer noch voraus ist und mehr enthält als wir. Aus dem einst ewig voraneilenden, liegenlassenden, gedächtnisschwachen Berlin ertönt nun die goethesche Formel:

Das Wahre war schon längst gefunden,

hat edle Geisterschaft verbunden,