Die Schule fängt hier schon früh an. Viele Eltern schicken bereits ihre Dreijährigen in einen Kleinkindergarten, und fast alle Fünfjährigen gehen in einen Kindergarten, der in vielen Fällen die unterste Schulklasse darstellt. Aber ob Kleinkindergarten (nursery school), Kindergarten oder Schule: der Lehrer ist immer eher Vertrauensperson als Respektsperson.

Zu Verantwortungsbewußtsein erzieht die Klassenregierung, die fast alle höheren Schulen haben. Jede Klasse hat ihren Präsidenten, Vizepräsidenten, Schatzmeister, Sekretär (in treuer Nachahmung des Systems einer großen Firma). Sie werden von den Schülern frei gewählt. Eine junge Lehrerin sagte mir, daß durch diese Einrichtung ein großer Teil der Charakterentwicklung der Kinder erfolge. "Sie lernen ganz von selbst, daß der ideale Präsident der Klasse nicht der ehrgeizige Streber ist, sondern der rundherum anständige Kerl."

Zwischen Eltern und Lehrern besteht ungewöhnlich aktive Zusammenarbeit. Abgesehen von den erwähnten Parent-Teacher Associations und Klassenlehrer -Versammlungen, die besonders in kleineren Städten eine große Rolle spielen, assistieren oft Mütter freiwillig überlasteten Lehrern in der Schule. Viele Mütter hören dann und wann einer Schulstunde zu, um sich davon zu überzeugen, daß ihr Kind den gewünschten Unterricht erhält. Viel sorgfältige Überlegung wird der Auswahl der Schule gewidmet. Den ganzen Sommer über hörte ich fast nur Unterhaltungen über dies Thema. Die Mutter eines einzigen Sohnes sagte, sie nähme ihr Kind aus einer privaten "progressiven" Grundschule heraus und schicke es in eine public school. "Als einzigem Kind wird ihm zu Hause schon genug Beachtung geschenkt. Jetzt soll er lernen, nur einer von vielen zu sein", sagte sie.

Wie überall woanders wollen auch in Amerika Eltern das Beste für ihre Kinder. Wenn man die Artikel, Kommentare und Leserbriefe in den Zeitungen liest, die um die Zeit des Schulanfangs erscheinen, hat man jedoch den Eindruck, daß das gewünschte Resultat nicht erreicht wird. Da häufen sich die Klagen von Eltern, die von ihren Kindern förmlich tyrannisiert werden. Jungen und Mädchen, so heißt es, verlangen heute im Alter von 13 Jahren alle Rechte des Erwachsenen.

Teen-ager (das Alter des teen-agers beginnt mit 13) beiderlei Geschlechts beanspruchen nicht nur einen eigenen Telephonanschluß für sich, sie gehen auch bereits miteinander aus. Ihre Tanzereien dauern oft bis in die frühen Morgenstunden. Es wird von den Eltern erwartet, daß sie sie mit dem Auto hinbringen und abholen. Dagegen dürfen sie keinesfalls das Fest etwa überwachen. Eine Vierzehnjährige fand es demütigend, daß ihr Vater darauf bestand, sie um elf Uhr abzuholen.

Viele Eltern finden es reichlich verfrüht, daß ihre fünfzehnjährige Tochter einen Jungen hat, "mit dem sie geht". Andere finden going steady – das ausschließliche "miteinander gehen" eines solchen Teen-ager-Paares – unmoralisch. Doch gibt es auch solche, die es als ein Zeichen solider Lebensauffassung betrachten und unterstützen.

Ist also die Tatsache, daß die amerikanische Erziehung den "blinden Gehorsam" ablehnt, für Disziplinlosigkeit der Jugend verantwortlich? Es gibt viele in der Öffentlichkeit diskutierte Fälle, die diese Frage bestätigen. Aber Beispiele wie Jeanie, die mit ihren 14 Jahren den ganzen Sommer freiwillig den Gemüsestand ihrer Mütter übernahm, als der Vater krank wurde, und gewissenhaft und immer guter Laune Tomaten auswog und Maiskolben einpackte, sind nicht nur Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Wenn ich an Jeanie denke, fällt mir auch gleich die Klasse der Zwölfjährigen ein, in die gerade ein "Neuer" gekommen war. Er sprach nur wenig Englisch und von Base-ball hatte er nie gehört. Einer fragte ihn, ob er mitspielen wolle. Der Junge sah hoffnungsvoll und zweifelnd zugleich aus. "Wirf ihm ein paar Bälle zu, Johnny", sagte ein großer Junge zu einem anderen, "aber sanfte, Johnny."