Von Wolfgang Löhde

Barcelona, im November

Hier zeigt Ihnen der astrologische Ingenieur Fernandez Justribo für 30 Pesetas das wahre Gesicht des Mondes. Ein erregender Blick in das Weltall", verkündete das abgegriffene Pappschild den herumstehenden Neugierigen. Über Barcelona stand die volle Scheibe des Mondes und beleuchtete das -nächtliche Treiben auf der Plaza Real. "Bitte moon keep on shining", hämmerte die Musikbox aus einem nahen Café. Der kleine alte Mann mit dem wallenden weißen Bart justierte sein selbstgebasteltes Himmelsfernrohr auf die Mondscheibe ein. Dann trat er zurück und gab das Okular für die Kundschaft frei. Mit piepsender Stimme begann er seine Erläuterungen, die im Preis mit einbegriffen waren. Ein älterer Herr mit grauen Schläfen hatte sich den "erregenden Blick ins Weltall" gekauft und stand hinter dem wackeligen Stativ. Neben ihm wartete eine schwarzhaarige Dame. Die beiden unterhielten sich. Das aber verstand der astrologische Ingenieur nicht, denn sie sprachen Russisch.

Hinter dem Himmelsfernrohr stand Professor Leonid I. Sedow, der Vorsitzende der Kommission zur Koordinierung und Kontrolle der wissenschaftlichen Arbeiten im Bereich der Vorbereitung und Durchführung von Weltraumflügen aus der UdSSR. Neben ihm stand Dr. Alla Massewitsch, die Leiterin der 72 Mondbeobachtungsstationen in Rußland. Sie waren als Mitglieder der russischen Delegation zum 8. Internationalen Astronautischen Kongreß nach Barcelona gekommen, der durch das Erscheinen von Sputnik I. am Himmel die westlichen Teilnehmer erheblich verwirrt und aus dem Konzept gebracht hatte. Sie fanden die Russen barbarisch, die sie auf ihrer Anreise zu dem Kongreß mit dem Start des Erdsatelliten überrascht hatten und nicht, wie es unter Wissenschaftlern aller Länder üblich ist, vorher ihre Kollegen davon in Kenntnis gesetzt hatten. Sie hätten sich die Ausarbeitung einiger Referate sparen können, die plötzlich und so überraschend überholt waren.

Die neidlose Anerkennung dieser wissenschaftlichen Leistung eines der Mitgliedstaaten dieser Vereinigung wurde dadurch verhindert, daß unter diesen Umständen aus Wissenschaftlern plötzlich abendländische Politiker wurden. Zwischen süßsaueren Gratulationen wurde die lang vorbereitete Tagesordnung abgehaspelt. Es wurde in diesen Tagen in aller Welt mehr von dem russischen Trabanten gesprochen, als in den Räumen der Consejo Superior de Investigätiones Cientificas in Barcelona. Professor L. Sedow, der Vater des Sputnik, wurde einer der sechs Vizepräsidenten. Mit seiner Broschüre: "Die Entwicklung der Rechtsbegriffe im Weltraum" stieg Rechtsanwalt Andrew G. Haley (USA) auf den Präsidentenstuhl. So wurde das Weltraumrecht erörtert, und von dem Sputnik im Weltraum geschwiegen. In Randbemerkungen wurde der baldige Absturz des Satelliten prophezeit und die Gewichtsangaben in Zweifel gezogen. Bei der Abschlußfeier bezeichnete aus Schadenfreude Professor Sedow die Marzipanrakete auf der Schokoladentorte als die Rakete "westlicher Wissenschaftler", und weil er tags zuvor mit Wissenschaftlern aus Frankreich, USA, Österreich, Italien deutsch gesprochen hatte, meinte er zum Schluß: "Das Weltraumschiff wird russisch, das Weltraumrecht amerikanisch und die Weltraumsprache wird deutsch."

Die Russen erfüllten ihr Soll in den stundenlangen technischen Sessionen, beantworteten die vielen Fragen immer mit dem gleichen Lächeln, uhd verschwanden immer, wenn es möglich war, im Hotel Arycasa. Dort aber saß dann in den dunklen Mahagonistühlen Dipl.-Ing. Rolf Engel, der Mann, der 1930 zusammen mit Wernher v. Braun, Rudolf Nebel, Klaus Riedel, Winkler und Professor Oberth auf dem Raketenflugplatz Berlin immer dann zu sehen war, wenn wieder ein Raketenofen explodierte. Als SS-Obersturmführer und Mitglied des Reichsforschungsamtes verlangte er damals von Peenemünde schnellere Arbeit, was später Nasser von ihm in Ägypten verlangte, bis der Suez-Krieg ihn nach Rom trieb. Dort baut er heute für die italienische Luftwaffe Raketen. Er und die Russen verstanden sich ausgezeichnet, und er hatte Gelegenheit, mit Alla Massewitsch zu tanzen und Professor Sedow als Volkswagenfahrer zu bewundern, als er uns alle nach nächtlicher Feier ohne Führerschein sicher in die Betten brachte.

In diesen Stunden außerhalb des Kongresses sprach Professor Sedow lebhaft von seiner Arbeit. Ich hörte von zwei Fehlstarts des ersten Sputnik, der schon zum 100. Geburtstag des Forschers Konstantin E. Ziolkowsky hochgeschossen werden sollte. Ich hörte von Menschen, die in der Sowjetunion auf Raumfahrt trainiert werden und von einem Elektroraumschiff. Als Professor Sedow am letzten Tag mit hohem Fieber grippekrank im Bette lag und ich bei ihm saß, sagte er: "Wir habben gefunden etwas, wovon die Kollegen drüben noch nicht träumen, bald werden sie sehen, bald ..." Krank und fiebernd verließ er dann Barcelona.